23.11.2003

Eine Botschaft in Bildern

Predigt zum Christkönigssonntag 2003 (Dan 7,13-14)

Einleitung

Herrschaft – Königtum – Reich, die Stichwörter des heutigen Christkönigstages, sind beileibe nicht modern. Zu viel Negatives hat sich in der Vergangenheit mit diesen Wörtern verbunden. Aber auch heute, im Zeitalter der Demokratien, wird Macht ausgeübt: von Politikern, Wirtschaftskonzernen, Kirchen, Medieninhabern und Vorgesetzten. Da ist es gar nicht so verkehrt, auf den zu schauen, den wir als König bezeichnen, und zu fragen: In welchem Sinn ist eine Macht, sein Königtum, sein Reich zu verstehen.

Predigt

„Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.“(Dan 7,14)
In der Zeit der Romanik, der Kunstepoche von 800-1000, malten die Künstler in fast jede Apsis einer Kirche dieses Motiv: Christus als der thronende Herrscher. Es war die Zeit starker deutscher Kaiser und zugleich die Zeit einer Endzeitstimmung, mit der man in großer Angst vor dem erwarteten Ende der Welt auf die erste Jahrtausendwende zuging. In diese Zeit hinein warfen die Maler mit ihrem Motiv des thronenden Christus ein Bild ihres Herrscherideals und ihrer Überzeugung, dass Gott das Heft in der Hand hält, an die Wand.

Die Bilder in der Klosterkirche St. Georg auf der Insel Reichenau
Großartige Zeugen aus dieser Zeit sind die Klosterkirchen auf der Insel Reichenau am Bodensee. Seit einigen Jahren hat sie die Unesco zum Weltkulturerbe erhoben. Besonders beeindruckt mich die St. Georgs-Kirche. Vorne in der Apsis der thronende Christus in herrschaftlicher Gebärde. Und auf den Wandbildern der Kirche wird weiter gemalt, wie dieser Jesus seine göttliche Macht ausübt. Die Malermönche bringen biblische Geschichten in Farbe auf die Wände: Jesus befreit den Besessenen von Gerasa, der sich in Selbstaggression zu Grunde richtet, von den Dämonen, die ihn quälen und nicht in Ruhe lassen. Er befreit den Wassersüchtigen von seiner Krankheit, die ihn belastet. Die Naturgewalten weist er in ihre Schranken und fordert seine Jünger auf, nicht in Angst zu vergehen, sondern in Vertrauen die Schwierigkeiten des Lebens anzunehmen. Dem Blindgeborenen öffnet er die Augen für die Farben und Schönheit der Welt. Den von den Menschen ausgesetzten Aussätzigen holt er zurück in die menschliche Gemeinschaft. Am Ende des Bilderzyklus werden die drei neutestamentlichen Totenerweckungen ausführlich geschildert: Die hoffnungslose Trauer der Witwe an der Bahre ihres Sohnes wird verwandelt in die Erfahrung, dass Gott doch noch Zukunft schenken kann. Dem Synagogenvorsteher Jairus wird Jesu Zusage „Sei ohne Furcht, glaube nur!“ auf unerhörter Weise erfüllt. Und das Wort Jesu „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ entreißt Lazarus dem Tod und gibt ihm dem Leben zurück.
Auf allen acht Bildern ist die segnende Hand des in der Apsis thronenden Herrschers zu sehen. Mit dieser segnenden Hand berührt er die Kranken, bannt zurück, was den Menschen Angst macht und ermöglicht Leben, wo alles am Ende zu sein schien.

Die Predigt der Bilder
Für mich ist dieser romanische Bilderzyklus in der St. Georgskirche auf der Reichenau eine großartige Predigt zum heutigen Christkönigsfest. Es entwirft Dimensionen wahrer Macht und natürlicher Autorität: nicht für sich, sondern für andere; nicht niederdrücken, sondern aufbauen; nicht selbst groß herauskommen wollen, sondern Menschen zu Diensten sein; nicht das Schäfchen für sich ins Trockene führen, sondern anderen zum Segen sein wollen. Diese Dimensionen sinnvoller Macht und echter Autorität sind für Christen in der Politik, in der Hierarchie der Kirche oder im persönlichen Lebensumfeld ein Spiegel, dem es sich zu stellen gilt.

Fürbitten

Herr Jesus Christus. Du stehst uns als die große Autorität vor Augen. Wir bitten dich:

Wir bitten für alle Menschen, denen es schwer fällt, angesichts ihres schweren Lebens noch auf einen Durchbruch und Neubeginn zu hoffen

Wir bitten für alle, die hohe Ämter in der Regierung, der Wirtschaft und Kirche bekleiden und das Wohl der Menschen und die Verantwortung vor ihrem Gewissen stets als Kriterien ihrer Autorität wissen

Wir bitten für alle, die die Not von anderen nicht nur sehen und analysieren, sondern ihr auch zu begegnen suchen

Wir bitten für uns, die wir Sonntag für Sonntag die Erzählungen vom befreienden Umgang Jesu mit Menschen hören und uns wünschen, dass sie unser Denken und Tun beeinflussen

Pfarrer Stefan Mai


 
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