10.10.2003

Zur Haltung stehen

Predigt am Tag der Ewigen Anbetung in St. Maximilian Kolbe am 10.10.2003

Einleitung

Mensch, lauf grad, schieb doch nicht immer so einen Buckel, Kopf hoch, setz dich grad hin, lümmel dich nicht so in den Sessel – alles Aufforderungen, Haltung anzunehmen. Irgendwie ist im Alltag das Gespür da, dass in Haltungen mehr zum Ausdruck kommt als Körperbeherrschung. Wenn das für Körperhaltungen im Alltag gilt, sollte es dann nicht im besonderen Maße für die Gebetshaltungen gelten, über die wir uns heute am Tag der ewigen Anbetung Gedanken gemacht haben?

Predigt

Im Würzburger Dommuseum hängt das Bild eines jungen Künstlers aus Ostdeutschland. Erkann ungewöhnlich präzise, bis ins kleinste Detail hinein, fast photographisch-naturalistisch malen. Auf seinem Bild greift dieser Maler ein mittelalterliches Motiv auf: Die Auftraggeber eines Altargemäldes stehen oder knien in frommer Haltung unter dem Kreuz. Der junge Künstler malt zwei Mönche, die in Ordenstracht und akkurater Gebetshaltung am Kreuz verharren. Jede Falte des Gewands wird akribisch genau festgehalten. Aber beim genauen Hinschauen erschrecke ich. Die Mönchskutten sind leer. Sie haben kein Gesicht, stehen da – wie zwei gesteifte Säcke. Man spürt hinter der frommen Gebetshaltung keine Person mehr. Die Gebetshaltung ist degeneriert zu einem Korsett, zu einer erstarrten Form, die nach außen hin aufrecht erhalten wird, aber eigentlich nur noch eine leere Hülse ist.
Dieses Bild provoziert förmlich die Frage: Sind unsere Gebetshaltungen zur erstarrten Form geworden, zu Ritualen, die wir zwar vollziehen, die wir aber nicht mehr beseelen können, in die wir noch aus Gewohnheit schlüpfen, die aber keine Wirkung mehr auf uns haben?
Die Gefahr besteht: Wenn alles nur noch Routine ist, wenn wir nicht mehr in uns hineinhorchen und uns nicht mehr fragen: Was empfinde ich, wenn ich knie, wenn ich beim Gebet stehe oder die Hände falte? Die Gefahr der Gedankenlosigkeit ist nicht wegzudiskutieren. Dass unsere Gebetshaltungen für Außenstehende leicht zu einem lustigen „Auf und Nieder, immer wieder“-Spiel werden, zu einer Art gymnastischer Auflockerungsübung im Gottesdienst.
Aber es kann auch ganz anders sein. Eine junge russlanddeutsche Frau aus unserer Gemeinde erzählt von einem Erlebnis, das entscheidend für ihre Lebensentwicklung war:

Vor einem Jahr, am 20.Juli wurde ich getauft, da war ich 33 Jahre alt. So lange hat es gedauert, bis ich Gott gefunden habe. Es gab viele Stationen auf dem Weg zu ihm hin. Aber der erste Anstoß geht mir niemals aus dem Kopf.
Ich war sieben Jahre alt. Es war Dezember. Wie gewöhnlich verbrachte ich die Weihnachtsferien bei meinen Großeltern. Alles war wie immer: Zimtgeruch, der große Weihnachtsbaum mit bunten Päckchen darunter, die mir vor lauter Erwartung schlaflose Nächte bereiteten. Doch eines war anders: Die Uroma war auch zu Gast, und ich sollte sogar mein Zimmer mit ihr teilen. Ich fand es natürlich nicht so toll, weil ich immer die Zeit vor dem Schlafengehen genoss, um darüber nachzudenken, was wohl in den Päckchen so hübsch verpackt sein könnte.
Es kam die Zeit ins Bett zu gehen. Ich saß auf meinem Bett und zog die Strümpfe aus. Da kniete sich meine Uroma auf einmal auf den Boden. Ich wunderte mich sehr. Da kniete sie und betete: Eine kleine, dünne, schwache Frau. Komisch, sie so gebeugt da knien zu sehen. Unsere kluge Uroma, ein weiser Mensch, den viele Leute um Rat fragten, war auf den Knien. Warum? Vor wem? Wieso?
Ich legte mich ins Bett und zog meine Decke über den Kopf, um mein überlegenes, hämisches Lächeln zu verstecken. Ich fühlte mich groß, fast erwachsen. Denn ich hatte das Gefühl, etwas zu wissen, was Uroma nicht begreifen konnte. Ich spöttelte: „Oma, weißt du, dass es Gott überhaupt nicht gibt. Die Kosmonauten waren ganz oben, es ist keiner im Himmel!“ Sie sah mich ganz lang an und sprach leise: „So hoch oben braucht man ihn nicht zu suchen, er ist doch da!“
Die Uroma stand auf, ging ins Bett und schlief schnell ein. Aber meine Nacht war unruhig und sehr lang. Omas Antwort war mir eine Rätselantwort. Ich brauchte lange Zeit, um sie zu lösen. Ich bin meiner Uroma sehr dankbar“, so schließt die junge Frau ihre Schilderung, „für den Zweifel, den sie mit ihrer Gebetshaltung in mein Leben brachte, der mir keine Ruhe ließ, der mich zu Gott führte.“


Liebe Leser,
„Ich habe darüber gelacht“, meint die junge Frau, „aber diese Gebetshaltung hat mich nie in Ruhe gelassen, und schließlich selbst Gott suchen lassen“. Ich bin überzeugt: Überall, wo eine Gebetshaltung nicht zur Schau gestellt oder gedankenlos vollzogen wird, drückt sie eine Lebenseinstellung aus, in der ich mein Leben anpacke und mich selbst verstehe. Wenn Menschen ganz selbstverständlich ihre Gebetshaltung praktizieren und ihr ein Gesicht geben, dann wird ihnen selbst und anderen deutlich: Die Haltung zeigt, was mir Halt gibt.

Pfarrer Stefan Mai


 
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