07.09.2003

Stumm gemacht – und zum Reden gebracht

Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis (Mk 7,31-37)

Einleitung
Ich werde einen Satz aus einem Film nie vergessen. Er lautete: „Du kannst einen Menschen nie verändern, nur befreien.“ Das heißt: Wenn du einen Menschen verändern wolltest, würdest du ihm Gewalt antun. Wenn du versuchst, ihn zu befreien, dann erweist du ihm einen wertvollen Dienst. Im heutigen Evangelium von der Heilung eines Taubstummen hören wir: „Seine Zunge wurde von der Fessel befreit, und er konnte richtig reden.“

Predigt
Keiner konnte mit ihm etwas anfangen. Alle waren schon auf die verschiedenen Missionsteams verteilt, die in aller Herren Länder aufbrechen sollten. Nur ihn wollte keiner. Er blieb übrig: Bruder Antonius nannte man ihn, den schwächlichen jungen Mann aus Portugal. Mehr wusste man nicht über ihn – auf jenem großen Treffen des gerade aufstrebenden Franziskanerordens in Assisi im Jahr 1221. Dreitausend Franziskaner waren zusammengekommen, um die Arbeit des Ordens für die nächsten Jahre zu organisieren.

Ein stumm gemachter Küchenjunge …

Ein gutmütiger Guardian namens Bruder Gratian nahm sich schließlich aus Mitleid des hilflosen und unscheinbaren Antonius an und gab ihm in seinem kleinen Bergkloster eine Beschäftigung als Küchenjunge. Dafür wird er gerade noch taugen, dachte er sich. Er konnte ja nicht wissen, wen er da vor sich hatte: Antonius stammte aus einer vornehmen und begüterten Familie in Lissabon, hatte bereits ein hochqualifiziertes Theologiestudium hinter sich und war schon seit einiger Zeit zum Priester geweiht. Aber er hatte auch einige Enttäuschungen hinter sich: Als er noch feiner Augustinerchorherr in Coimbra war, kamen ein paar Franziskaner vor die Tore der Stadt, gründeten ein Kloster und zogen bettelnd durch die Straßen. Diese radikale Lebensweise hatte ihn so fasziniert, dass er sein weißes Chorherrengewand mit dem schmutzigen grauen Kittel der Franziskaner vertauschte. Er träumte davon, als Missionar im islamischen Marokko sein Leben einzusetzen. Aber dann hat er nicht einmal die Schiffsreise gesund überstanden: Er war den Strapazen nicht gewachsen, erkrankte an Malaria und wurde postwendend zurückgeschickt. Aber Antonius kam nie in Portugal an. Ein Schiffbruch versetzte ihn nach Italien. So stieß er auf das Generalkapitel der Franziskaner in Assisi.

… kommt zum Reden

Seine Enttäuschungen haben Antonius still werden lassen – und im Bergkloster wurde er stumm gemacht: In den Augen der anderen konnte er nicht bis Drei zählen, man musste ihm Anweisungen geben. Kartoffelschälen, Putzen und Säcke umherschleppen gehörte nicht gerade zu den Stärken des Hochbegabten. Im Kloster galt er als komischer Kauz. Man musste ihn halt mitschleppen. Auf die Spitze getrieben wurde der Spott, als man im Kloster Primiz feierte. Der Guardian forderte die anwesenden Priester auf, für den Primizianten eine Stegreifpredigt zu halten. Alle zierten sich. Und sie meinten, sich einen Höllenspaß zu verschaffen, als sie vorschlugen, der ewig stumme Küchenjunge möge doch das Wort ergreifen. Zur Überraschung aller trat er in die Mitte. Und als er den Mund öffnete, blieb allen vor Staunen der Mund offen stehen. Jetzt zeigte sich, was in Antonius steckte: der größte Prediger seiner Zeit.

Antonius“ heute

Das Schicksal des Antonius ist kein Einzelfall. Unzählige Male und in vielen Varianten werden Menschen stumm gemacht. Wenn du ständig gesagt bekommst: Was redest du da für einen Unsinn! Du kannst das nicht! Da kennst dich nicht aus! Da kannst du nicht mitreden! – dann hörst du alleine auf, dich zu Wort zu melden, deine Meinung zu sagen, einen Vorschlag zu machen. Wenn du spürst: Mir wird nichts zugetraut, dann traust du dich mit Zeit auch nicht mehr, wirst still, ziehst dich zurück und bekommst immer mehr Angst.
Bei Antonius war es ein seltener Glücksfall, dass er wieder zum Reden gekommen ist. Eigentlich sollte es eine Bloßstellung werden. Normalerweise braucht es so einen Impuls, wie es im Evangelium erzählt wird. Es braucht einen Menschen, der Einfühlungsvermögen hat, der Barrieren überwindet und Beziehung aufbaut. Es braucht einen Menschen, der mit seiner menschlichen Nähe den Boden bereitet, dass der stumm Gewordene sich öffnen kann.

Fürbitten
Anstelle eines Fürbittgebetes werden die Strophen dis Liedes GL 643,2–4 in verteilten Rollen gemeinsam gebetet:
Frauen: Lass alle, die im Finstern geht, die Sonne deiner Gnade sehn; und wer den Weg verloren hat, den suche du mit deiner Gnad.
Kinder: Den Tauben öffne das Gehör, die Stummen richtig reden lehr, dass sie bekennen mögen frei, was ihres Herzens Glaube sei.
Männer: Erleuchte, die da sind verblendt, bring heim, die sich von dir getrennt, versammle, die zerstreuet gehen, und stärke, die im Zweifel stehn.

Pfarrer Stefan Mai


 
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