27.07.2003

Lasst die Leute sich setzen

Predigt zum 17.Sonntag im Jahreskreis (Joh 6,1-15)

Wer Kinder hat weiß, welchen Kampf es oft kostet, dass die Kinder beim Essen sitzen bleiben. Da fällt ihnen ein, dass sie etwas in ihrem Zimmer vergessen haben, dass sie aufs Klo müssen, dass sie noch ihren Freund anrufen müssen, dass sie noch etwas zum Trinken brauchen, dass sie spielen gehen wollen, ja sogar auf die Idee kommen, ihr Zimmer aufzuräumen u.s.w. und so fort. So manches Mal platzt da Eltern der Kragen und sie schreien: Jetzt hockt euch endlich hin und bleibt einmal sitzen. Und mancher Lehrer kann sein Lied davon singen, wenn bestimmte Schüler Juckpulver unter dem Hintern haben und meinen, im Unterricht immer auf Wanderschaft gehen zu müssen.

Dieses Umtriebige ist nicht nur eine Kinderkrankheit, sondern ist auch für Erwachsene ansteckend. So mancher hat es in sich, dass er in einer Gesellschaft die Ruh hinausträgt, weil er sich nicht setzen kann. Wie viele Diskotheken und Kneipen werden von Jugendlichen an einem Samstagabend durchgeklappert, weil man nicht an einem Ort bleiben kann. „Immer mehr Menschen kommen immer schneller irgendwo an, wo sie immer kürzer bleiben“, meinte ein Zeitgenosse treffend. Und es gäbe ja auch keine Schnell-Imbisse, Fast-Food-Restaurants und Stehkaffees, wenn nicht so vieles schnell und im Stehen gehen müsste. Und wie oft entdecke ich mich selbst, dass mir der Satz über die Lippen rutscht: Jetzt mache ich noch schnell dies oder jenes.“

Vielleicht ist mir gerade deshalb ein Satz des heutigen Evangeliums im Hirn hängen geblieben, die Aufforderung Jesu: „Lasst die Leute sich setzen!“ Jesus lässt die Leute, die zu ihm gekommen sind, nicht einfach stehen. Er befasst sich mit ihnen nicht nur im Vorübergehen. Er fertigt sie nicht im Stehen ab, sondern gibt ihnen Zeit. Er lässt sie bei sich einrichten und bietet das grüne Gras direkt als bequemes Sofa zum Verweilen an. So kann er sich auf die Menschen einlassen und die Menschen auf ihn. Im Sitzen geschieht der Austausch, das Gespräch, das Zuhören, die Begegnung. Das Wunder der Brotvermehrung ist ein Wunder des sich Zeit-Nehmens füreinander, ein Wunder der Zeitvermehrung, wie es Wolfgang Zenetti einmal genannt hat.

„Lasst die Leute sich setzen!“ Dieser Ratschlag Jesu geht mir nicht so schnell aus den Kopf. Denn er ist für mich mit einem Schlüsselerlebnis aus meiner Kaplanszeit verbunden. Ich machte im Matthias-Claudius-Altenheim bei einer alten Frau einen Besuch. Ich hatte schon wieder den nächsten Termin im Hinterkopf, wollte aber nicht auf meine Armbanduhr schauen, um die gute Gesprächsatmosphäre nicht zu stören. Die alte Frau saß mir gegenüber in ihrem großen Sessel. Direkt über ihr eine Wanduhr. Ganz vorsichtig und meiner Meinung nach unbemerkt hob ich ein wenig die Augen und warf verstohlen einen Blick auf die Uhr, um mich zeitlich zu orientieren. Die alte Dame bemerkte dies. Was sie dann sagte, traf mich wie ein Blitz:

„Herr Kaplan“, meinte sie, „sagen Sie es doch gleich. Sie sind schon auf dem Sprung und nicht mehr hier!“ Ich entschuldigte mich und fragte: „Darf ich trotzdem bei Ihnen wieder einmal vorbeikommen?“ Mit großen Augen schaute Sie mich an und gab mir einen Satz auf den Weg, den ich nie mehr vergessen habe: „Vorbeikommen brauchen Sie nicht, wenn Sie wiederkommen wollen, dann kommen Sie zu mir herein! Vorbeikommen ist ein unmenschliches Wort.“

Pfarrer Stefan Mai


 
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