27.04.2003

...es bleibt eine Narbe zurück

Predigt zum Zweiten Sonntag der Osterzeit (Joh 20,19-31)

Einleitung

So mancher von uns trägt an seinem Körper sichtbar Narben, die ihn stets an bestimmte Ereignisse erinnern. Wenn ich im Spiegel meine große Narbe an der Stirn sehe, dann muss ich automatisch daran denken, wie ich als Kind mit meinem Cousin neben einer Baugrube eine provisorische Schaukel zusammengebastelt habe, wie wir uns gegenseitig möglichst hoch hinaushievten, er plötzlich von einem Schaukelende sprang und es mich vom anderen herunterkatapultierte und in die 2 m tiefe Baugrube warf. Endergebnis: Eine breit klaffende Wunde an der Stirn und als bleibendes Andenken eine große Narbe. Viele erinnern Narben an Operationen, an Unfälle und Schnittwunden. Viele Menschen tragen auch innerliche Wunden, die von außen niemand sieht, die aber dauernd bluten oder immer noch schmerzen, auch wenn sie schon vernarbt sind. Wunden und Narben gehören zum menschlichen Leben. Am zweiten Sonntag nach Ostern hören wir stets die bekannte Wundengeschichte aus dem Johannesevangeliun: die Begegnung Jesu mit Thomas.

Predigt

Kinder sind ungeheuer sensibel für Wunden. Das Wort „aua“ gehört zu den ersten Wörtern, die Kinder aussprechen können. Sie rennen schreiend oder wimmernd mit diesem Wort zu ihrer Mutter, zeigen ihre Wunde und hoffen auf Anteilnahme. Wenn sie mit aufgeschundenen Knien oder aufgeschürften Armen vom Fahrradsturz weinend nach Hause kommen, dann wollen sie, dass die Mama ihre Wunden anschaut, die Wunden behandelt, beruhigend auf sie einwirkt, ein Taschentuch für die Tränen parat hat und zärtlich übers Haar streicht. Das Pflaster auf der Wunde ist für Kinder wie eine Bestätigung: Da ist einer da und lässt mich mit meiner Wunde und meinem Schmerz nicht allein.
Kinder sind sensibel für Wunden. Nicht nur für die eigenen, sondern auch für die Wunden anderer. Wie gerne sind sie barmherzige Samariter, schauen die Mama oder den Papa mit großen Augen an, wenn sie an ihrem Körper eine Wunde oder Narbe entdecken, fragen „aua?“ und streichen zaghaft und einfühlsam über die Narbe, als wollten sie diese durch ihre Berührung heilen. Und manchmal hat man den Eindruck, dass Kindern die Wunden lieber Menschen selbst weh tun, vor allem dann, wenn sie Mitschuld an dieser Wunde oder Narbe haben.
Im Jahr 1975 schrieb der Liedermacher Reinhard Mey für seine Frau ein Lied mit dem Titel „...es bleibt eine Narbe zurück“. Der Text lautet:

Wenn du manchmal stumm deinen Gedanken nachhängst
und mich ansiehst, ohne mich dabei zu sehn.
Wenn ich vergebens versuch´, zu erraten, was du denkst,
welche Fragen hinter deiner Stirne steh´n.
Ahn´ ich doch, in Gedanken brichst du über mich den Stab.
Doch bedenk´, wenn du meine Schuld einschätzt:
Von jeder Wunde, die ich dir zugefügt hab´,
bleibt auch mir eine Narbe zuletzt.

Es ist wohl ein unsel´ges Gesetz, das uns lenkt,
das da will, dass man grad´, wen man am meisten liebt,
so unbedacht demütigt und grundlos kränkt.
Dafür um so wen´ger nachsieht und vergibt.
Doch für jedes Unrecht, das ich dir angetan hab´,
hab´ich selber gelitten, Stück für Stück.
Von jeder Wunde, die ich dir zugefügt hab´,
bleibt auch mir eine Narbe zurück.

Es ist viel gescheh´n, eh´ ich zu lernen begann,
dass kein Ding für alle Zeit gewonnen ist,
dass man nicht größ´re Opfer erwarten kann,
als man von sich aus bereit zu bringen ist.
Wenn ich dir deine Liebe schlecht gedankt hab´,
wenn du kannst, verzeihe es mir jetzt.
Denn von jeder Wunde, die ich dir zugefügt hab´,
bleibt auch mir eine Narbe zuletzt.


Liebe Leser, auf dem Hintergrund der Kinderbeobachtung und des Liedes von Reinhard Mey ahne ich, dass es im heutigen Evangelium einen inneren Zusammenhang vom Zeigen der Wunden und dem Auftrag zur Sündenvergebung gibt. Da zeigt einer seine Wunden, die ihm im Leben zugefügt worden sind. Er macht denen, die sie ihm zugefügt haben, keine Vorwürfe und er rechnet seinen engsten Freunden auch nicht ihre Feigheit vor. Nein, er wünscht den Frieden, haucht die Jünger an und spricht ihnen die Worte zu: „Empfangt den heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ Da macht einer seine eigene Verletztheit für die anderen erfahrbar, vertraut darauf, dass dies bei den anderen nicht ohne Wirkung bleibt, und möchte in ihnen die Haltung der Vergebungsbereitschaft provozieren, die er ihnen selbst vorlebt.
Ob nicht gerade diejenigen, die nicht als Dickhäuter durch die Welt marschieren, sondern bei denen die Wunden anderer, vor allem dann, wenn sie diese mitverursacht haben, Narben hinterlassen, die ersten sind, die verzeihen können, wenn ihnen selbst Wunden zugefügt werden?

Fürbitten

Herr, Jesus Christus, dein Erkennungszeichen sind die Wunden an deiner Seite, an deinen Händen und Füßen. Wir bitten dich:

Für alle Menschen, die schwer an den Wunden leiden, die ihnen während ihrer Kindheit zugefügt wurden und das Leben seitdem behindern …
V: Christus höre uns A: Christus, erhöre uns

Für alle Menschen, die andere seelisch oder körperlich schwer verletzt haben und in ihrem Leben nie mehr darüber hinwegkommen …

Für alle, die angesichts der Flut von Schreckensbilder in den Medien eine dicke Hornhaut ausgebildet haben oder bewusst grausame Bilder suchen, um sich in ihrer Langeweile eine Gänsehaut über den Rücken zu jagen …

Für alle Ärzte, Schwestern und Krankenpfleger, die täglich Wunden am Körper leidender Menschen sehen und behandeln, und für alle Psychotherapeuten und Seelsorger, die seelisch verwundeten Menschen beistehen wollen …

Für alle, die mit ihren Wunden ständig hausieren gehen, und für alle, die sie aus Scham verbergen …

Für alle Verstorbenen, dass sie vor deinem Angesicht den Sinn der Wunden, die ihnen das Leben geschlagen hat, verstehen können …

Darum bitten wir dich, Christus, unsern Herrn.

Pfarrer Stefan Mai


 
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