19.04.2003

… und sie sagten niemandem etwas davon

Osternacht 2003 (Mk 16,1–8)

Einleitung

Die Rabbinen raten: Wenn du ein Werk beginnst, dann handle so, als hinge alles von dir allein ab. Und sag’ dir zugleich: Auf mich kommt es gar nicht an.
In den Augen der Rabbinen ist das kein Widerspruch, sondern Lebensweisheit: Du kannst und sollst dich bemühen. Aber das ist noch lange keine Garantie dafür, dass du etwas erreichst. Ein Gelingen wird es nur geben, wenn du darauf vertraust, dass ein Größerer mit am Werk ist.

Wir hören in dieser Osternacht drei Lesungen aus dem Alten Testament, in denen vor allem der zweite Aspekt betont wird. Trotz menschlichen Bemühens – der entscheidende Durchbruch kommt von Gott. Er macht den Weg frei. Er legt das Fundament. Er verändert das menschliche Herz.

Einleitung zur 3. Lesung (Ex 14,15–15,1)

Die Flucht aus Ägypten gelingt nicht durch menschliche Schläue, nicht durch besonderen Mut oder militärische Überlegenheit. Es ist Gott, der das Herz des Pharao verhärtet, der die Räder an den Streitwagen der Ägypter hemmt. Die Feinde müssen bekennen: „Jahwe kämpft an ihrer Seite.“ Und Israel singt: „Rosse und Reiter warf er ins Meer.“
Zwischengesang: GL 227,6–10

Einleitung zur 4. Lesung (Jes 54,5–14)

Die Erlaubnis, aus der Gefangenschaft in Babylon wieder nach Israel zurückzukehren, löste nicht nur Freude aus, sondern war von der großen Sorge überschattet: Wie können wir den Wiederaufbau in der Heimat leisten? Wir stehen doch ohne Mittel da. Da gibt ihnen der Prophet Jesaja ein Trostwort mit auf den Weg: Gott selbst wird das Fundament für den Neubeginn legen, fest und sicher.
Zwischengesang: GL 642,1–2

Einleitung zur 7. Lesung (Ez 36,16–17a.18–28)

Der Prophet Ezechiel weiß: Für einen Neubeginn in Jerusalem braucht man nicht nur Material und Arbeitskraft, sondern vor allem frischen Geist und eine Einstellung, die nicht nur an sich denkt. Deshalb verspricht der Prophet: Gott legt einen neuen Geist in euch und schenkt euch ein Herz aus Fleisch.
Zwischengesang: 167,4–6

Predigt

So abrupt kann ein Evangelium doch nicht enden: „… denn sie fürchteten sich sehr.“ Das kann doch nicht das letzte Wort zu Ostern sein! Nach dem ausdrücklichen Befehl des jungen Mannes im Grab: „Nun aber geht und sagt seinen Jüngern: Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihn sehen“ – würde doch jeder erwarten: „Überglücklich gingen sie hinaus und brachten den Jüngern die frohe Botschaft: Er ist auferstanden.“ Aber nein, das Markusevangelium endet mit einem Hammer. Dort steht: „Da gingen sie hinaus und flohen vom Grab, denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemandem etwas davon; denn sie fürchteten sich sehr.“ Dieser Schlusssatz ist offensichtlich so schrecklich, dass er in der neuesten Ausgabe des Schott einfach gestrichen worden ist. Osterzeuginnen, die ihren Verkündigungsauftrag nicht ausführen – so etwas soll den Besuchern der Osternachtsfeier nicht zugemutet werden!
Exegeten haben sich schon immer den Kopf darüber zerbrochen: Warum dieser rätselhafte Schluss? Warum lässt dieser Markus seine Hörer im Ungewissen darüber, wie es weitergeht? Ich denke: Er wollte bewusst provozieren. Die Leser sollten spüren: Wenn es mit dem Evangelium weitergehen soll, dann bin ich jetzt dran. Ich kann doch nicht zulassen, dass das Evangelium im Sand verläuft. Wenn die Frauen in der Ostererzählung es nicht weitersagen, dann muss ich es doch tun.
Aber mit seinem schockierenden Schluss setzt der Evangelist zugleich ein Warnzeichen: Mach dich darauf gefasst: Es ist nicht leicht. Dir kann es gehen wie dem Jüngling mit den Frauen: Du richtest die Botschaft aus, du willst einen Schlüssel zum Leben mit auf den Weg geben – und dann merkst du: Mit den besten Worten, mit dem besten Willen richte ich nichts aus.
Ich habe das Gefühl: Vielen Eltern geht es wie dem jungen Mann im Grab. Die meisten von ihnen sind inzwischen schon Großeltern. Was predigen sie, aber es kommt nicht an. Welche Ratschläge haben sie schon erteilt, aber Kinder und Enkel lächeln nur. Sie möchten ihren Glauben an Gott in Gebeten und Bräuchen weitergeben. Aber was für sie selbst wie ein sicheres Geländer war, wird von ihren eigenen Kindern nicht mehr genutzt und bleibt unbeachtet. Für sie gehörte es zum Rhythmus des Lebens, sonntags mit der Gemeinde den Gottesdienst zu feiern. Heute trauen sie sich gar nicht mehr zu fragen, ob die Kinder überhaupt noch gehen. Vor Jahren hatten sie mit ihren heranwachsenden Kindern noch über die altmodische Kirche diskutieren können. Heute will man sich mit diesem Thema die Feiertagsfreude nicht verderben.
Und es scheint fast so: Je mehr Eltern Kirche und Tradition schätzen, desto weniger gelingt ihnen die Glaubensweitergabe.
Ein prominentes Beispiel dafür ist die evangelische Theologin Dorothee Sölle. In einem Brief an ihre Kinder schreibt sie: „Und von allem, was ich euch gerne mitgegeben hätte in die Feindschaft, mit der das Leben euch beutelt und beuteln wird, ist dies am schwersten zu vermitteln. Meine Schätze kann ich euch nicht einfach vermachen. Gott lieben von ganzem Herzen, mit aller Kraft, aus ganzem Gemüte – in einer Welt voller Traditionsbrüche – das kann ich nicht wie ein Erbe weitergeben … Meine Versuche, euch christlich zu erziehen, hatten wenig Chancen; die Institution fiel mir immer wieder in den Rücken … der eigene Mangel, Bräuche und Symbole glaubwürdig zu leben, Lieder und Gebete einzubeziehen in den Alltag, ist mir sehr bewußt. Es ist, als hätten wir Eltern kein bewohnbares Haus der Religion anzubieten, nur ein verfallenes.
Daß du, Mirjam, als Jüngste, dich nicht hast konfirmieren lassen … ist nur der sichtbare Ausdruck dieser Schwierigkeit, die lebendige Kinder heute mit ihren christlichen Eltern haben.“
Liebe Zuhörer, viele können mit Dorothee Sölle mitfühlen und machen sich ähnliche Vorwürfe wie sie.
Und ich glaube, genau an diesem Punkt könnte der rätselhafte Schluss des Osterevangeliums nach Markus ein Trost sein.
Es ist richtig und notwendig, dass es Menschen wie diesen jungen Mann im Grab gibt, die die Botschaft weitersagen. Aber niemand hat es in der Hand, dass der Stabwechsel funktioniert.
Es ist richtig und notwendig, dass es Menschen wie diesen jungen Mann im Grab gibt, der bereit steht und Auskunft gibt, wenn Menschen anfangen zu suchen. Aber niemand hat es in der Hand, dass seine Worte ins Herz treffen und Menschen bewegen.
Vielleicht will uns Markus sagen: Ostern habt ihr nicht in der Hand. Ostern könnt ihr nicht machen. Aber Ostern scheitert auch nicht an der Hilflosigkeit von Menschen. Ostern wird geschenkt, wo Gott selbst den Stein von der Kammer des Herzens wegwälzt.

Fürbitten

Das Licht der Osterkerze vor Augen bitten wir Gott, den Herrn des Lebens:

Antwortruf: Dein Licht leuchte ihnen

In das österliche Licht stellen wir die Nacht der Menschen, die keine Freude mehr an ihrem Leben empfinden und nicht mehr hoffen können

In das österliche Licht stellen wir die vielfältige Ohnmacht der Menschen, die Güte investieren und christliche Werte bewusst weitergeben möchten, aber das Gespür haben: Es ist umsonst

In das österliche Licht stellen wir die Dunkelheit der Menschen, die allein ihrer Macht trauen und diese knallhart durchsetzen wollen

In das österliche Licht stellen wir das Suchen der Menschen nach Orientierung und Sinn und dabei vom christlichen Glauben Antwort erhoffen

In das österliche Licht stellen wir das Leben der Kinder und Erwachsenen, die in dieser Nacht getauft werden und für die wir deinen Schutz und dein Weggeleit erbitten

In das österliche Licht stellen wir die Menschen, die bereits durch das dunkle Tor des Todes gegangen sind

Gott, du bist ein Freund des Lebens. So singen wir dir unsere Lieder, beten dich an und preisen dich durch Christus, unsern Herrn.

Pfarrer Stefan Mai


 
© Stefan Mai 2001 - 2019
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Pfarrer Stefan Mai.

www.stefanmai.de