Auf den Spuren der Gotteserfahrung

Predigt zum 2. Fastensonntag 2015 (Mk 9,2-10)

Einleitung

In der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ wird einmal im Monat ein Theologe interviewt. Das Fragenraster ist immer gleich. Da wird gefragt: Was ist ihre Lieblingsbibelstelle? Welcher Kirchenbau gefällt ihnen am besten? Welches Buch lesen Sie momentan? Und eine Frage lautet: Wann waren Sie zuletzt im Kino?
Für Theologen in meinen Augen eine ganz wichtige Frage: Denn in den guten neuen Filmen zeigen die Regisseure ein ungeheuer gutes Gespür für die Frage nach Sinn und dem „Mehr“ im Alltag.

Predigt

Die Bibel ist ein Buch von gesammelten Gotteserfahrungen. In ganz unterschiedlichen Bildern und Erlebnissen wird das in Worte in gefasst, was man eigentlich gar nicht ausdrücken kann. Dazu gehört auch die Verklärungsgeschichte. Bei einer Bergtour blitzt plötzlich hinter ihrem Freund Jesus eine andere Dimension auf: Seine Gewänder erscheinen strahlend weiß. Er bekommt himmlische Sie sehen ihn auf einmal ganz anders – und hören eine göttliche Stimme.
Die Verklärungsgeschichte, ein biblischer Versuch, eine Gotteserfahrung ins Bild und ins Wort zu bringen. Es gibt auch Versuche unserer Zeit.

Auf der Berlinale hat ein neuer Film des Österreichers Karl Markovics großes Aufsehen erregt. Im März wird er in die Kinos kommen. Der Film heißt „Superwelten“. „Ich kenne die sogenannten 'kleinen Leute' und diese Leute wollte ich mit dem möglichst Größten in Verbindung bringen, das ich mir vorstellen kann. Das Größte in meiner Vorstellung ist das Unvorstellbare. Und das Unvorstellbarste in meiner Vorstellung ist Gott." So der Regisseur, als er gefragt wurde was er mit seinem ungewöhnlichen Film erreichen wolle.

In der Tat, in diesem Film geht es um die Beziehung zu Gott, obwohl er nie zu greifen ist. Gabi Kovanda lebt als Supermarktkassierein in ihrer kleinen Welt zwischen der Arbeit an der Supermarkt-Kasse, Frauensport, Abnehmdisziplin. Sie sorgt sich um ihren Mann und den Sohn, der entweder beim Militärdienst weilt oder im Zimmer vor dem Computer Krieg spielt. Die Ehe ist Routine geworden. Bei aller Liebe: Man kennt den anderen so gut, dass man nichts mehr zu reden braucht. „Wir haben doch nur noch ein paar Jahre bis zur Rente“, meint selbstgenügsam ihr Mann.

Doch da tritt in diese kleine Welt plötzlich ungefragt eine fremde Stimme: das Rumpeln der Waschmaschine, das Brummen des Kühlschranks. Momente der Abwesenheit: wie sie lange ins Leere schaut und beim Einschenken des Kaffees gar nicht merkt, dass die Tasse schon längst voll ist. Ein Moment des Schreckens nach der Turnstunde, als Gabi etwas Fremdes hinter sich spürt – in solchen Momenten meint sie Seine Stimme zu hören. Ein göttlicher Überfall?

Gabi Kovanda macht lange Spaziergänge, was sie nie gemacht hat, empfindet intensiv die Natur. Die Nacht über bleibt sie draußen. Das sind Momente des Glücks – neben dem Schrecken über diese Stimme. „Sag mal, mit wem hast du die ganze Nacht telefoniert?“, fragt sie ihr Mann, als er ihr Handy kontrolliert? Sie schreit ihn an. „Es is Gott! Ich hob nix mit eam angfangt, aber er mit mir!“ Sie sucht und sucht, lässt sich nach einer Hochzeit über Nacht in eine einsame Kapelle einsperren. Aber sie spürt nichts von ihm. „Ich bin da da und du kommst nicht!“, klagt sie ihn an.

Wozu macht denn Gott auf sich aufmerksam, wenn er dann doch als der ganz Andere, Unbegreifbare entzogen bleibt? - diese Frage stellt ständig unterschwellig dieser aufrüttelnde Film.

Liebe Leser,
in der letzten Religionsstunde habe ich Kinder gebeten, einmal Wegweiser für Menschen zu schreiben, die Gott suchen und erleben möchten. Ich war zutiefst beeindruckt, was ich da auf den Wegweisern zu lesen bekam:

Du brauchst ihn gar nicht zu suchen. Er ist schon bei dir!
Wenn du stirbst, dann bist du bei Gott und hast ihn jeden Tag bei dir.
Er ist in der Bibel.
Du kannst nicht zu Gott kommen.
Zeige anderen, dass du sie magst, dann kommt Gott auch zu dir.

Liebe Leser,
die alte Verklärungsgeschichte, der neue Film von Markovics, Superwelten, und die Wegweiser der Kinder konfrontieren einen jeden von uns mit der Frage: Wo sind die Situationen in deinem Leben, wo du etwas von Ihm spürst? Wie steht es mit deiner Suche nach Ihm?

Fürbitten

Herr, unser Gott, Menschen zu allen Zeiten machen ihre eigenen Erfahrungen mit dir. Höre du unsere Bitten:
Lass uns im Gewöhnlichen und Außergewohnlichen deine Spuren entdecken.


V: Gott, unser Vater ...
A: Wir bitten dich, erhöre uns.
Lass uns nicht bequem werden und meinen, wir hätten dich als sicheren Besitz. Gott, unser Vater ...
Lass uns in Jesus von Nazaret das Licht sehen, das Licht und Klarheit ins Leben bringt. Gott, unser Vater ...
Lass uns in den Niederungen des Lebens etwas von deiner Nähe spüren. Gott, unser Vater …
Lass unsere Verstorbenen das Licht deiner Herrlichkeit erleben.
Gott, unser Vater ...



Pfarrer Stefan Mai

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