Neujahrsansprache Frankenwinheim 2015

Eine Sufi- Geschichte erzählt:

“Es waren einmal zwei Männer, die genau das gleiche Essen bekamen, nur hatte der eine zwei Schalen, während der andere nur eine besaß. Der Mann mit den zwei Schalen unterteilte das Essen in süßes und bitteres und legte das Bittere in die eine Schüssel und das Süße in die andere. Der Mann mit nur einer Schale mischte natürlicherweise das Bittere mit dem Süßen durcheinander. Mit der Zeit wurde der erste Mann immer dünner und schwächer, während der zweite, der genau das gleiche Essen bekam, täglich gesünder wurde. Schließlich sah der erste Mann seinen Tod kommen und fragte den anderen verzweifelt, was das Geheimnis seiner Stärke und Vitalität sei.

„Du hast zwei Schalen,“ sagte dieser, „in der du Bitteres von Süßem getrennt und dich nach deinen geschmacklichen Vorlieben gerichtet hast. Du hast dem Essen nicht erlaubt, dich mit seinem eigenen inneren Leben zu erhalten. Doch ich hatte nur eine Schale und vermischte also alles miteinander, ich wurde nicht von meinen Geschmacksnerven an der Nase herum geführt. Was immer mir gegeben wurde, das habe ich einfach angenommen und es hat nicht aufgehört, mich ständig zu nähren, Gott sei gedankt.“

Der erste Mann erhob sich von seinem Totenbett und mit großer Anstrengung nahm er eine der Schalen und zerbrach sie in 1000 Stücke. Von nun an aß er dankbar aus der übrig gebliebenen Schale sein Essen, das ihm sein Freund gab und wurde wieder heil.


Eine rätselhafte Geschichte – aber eine Geschichte, die es in sich hat und mir einen guten Rat für das Neue Jahr mitgeben will.
In unserer Erlebnis- und Fun-Gesellschaft wird die Qualität des Lebens oft danach beurteilt, ob es süß, das heißt angenehm, mit Spaß verbunden ist. Möglichst Unangenehmes, Bitteres und Schweres ausblenden und nicht an sich heranlassen. Wehe, es kommt Schweres und Bitteres, dann wird gleich Gott und die Welt angeklagt.

Die Sufi-Geschichte sagt knallhart: Mit dieser Einstellung geht eine Gesellschaft am Leben vorbei, ja holt sich sogar den Tod. Denn im Leben gehören von Natur aus Schweres und Leichtes, Freud und Leid, Kräfte fordernde Wegstrecken und Zeiten, wo ich schwebend leicht fast tanzen könnte, zusammen. Bitteres und Süßes lässt sich nicht trennen.
„Was immer mir gegeben wurde, das habe ich einfach angenommen und es hat nicht aufgehört, mich ständig zu nähren, Gott sei gedankt.“ Dieses Lebensrezept gibt der Mann mit der einen Schale, der Schönes und Schweres im Leben gleichermaßen annimmt, dem Mann, der dem Mainstream unserer Gesellschaft gleicht, nämlich das Schwere und Bittere weit von sich weisen, weiter.

Keiner von uns weiß, was ihm in seine Lebensschale in diesem Jahr gefüllt wird, mehr Schönes und Leichtes, oder Schweres und Bitteres? Aber eines meine ich zu wissen: Die große Lebenskunst ist, beides in gleichem Maße annehmen zu können.

Im Jahre 1832 schreibt der Dichter Eduard Mörike (1804-1875) ein Gedicht, worin er Gott bittet, dass er ihm ein ausgewogenes Maß an Freud und Leid, an Süßem und Bitteren in seine Lebensschale füllt:

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.


40 Jahre später stellt er diesen Zeilen aus seiner Lebenserfahrung eine neue Strophe voran, wo einem der Atem fast stockt, wie er auch zu dem Schweren Ja sagt:

Herr! Schicke was du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt.


Ob ich jemals zu einer solchen Lebenshaltung vordringen kann, weiß ich nicht, aber ich möchte um dieses Vertrauen beten. Mörike nennt sein Neujahrsgedicht „Gebet“:

Herr! Schicke was du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, dass beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.


Pfarrer Stefan Mai

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