In manibus tuis...

Predigt zum Krankensalbungsgottesdienst im Wohnstift am 21.11.2009

Ich werde es nie vergessen, wie eine Mutter einmal von einem besonderen Erlebnis erzählte, wie sie ihren kleinen Buben ins Bett brachte. Wie immer setzte sie sich zu ihm ans Bett. Sie erzählten sich gegenseitig. Wie gewohnt nahm sie ein Buch und las ihm daraus vor. Dann beteten sie miteinander. Und wie jeden Abend musste sie ihre Hand aufs Kopfkissen legen und der Bub legte seine Hand in die Hand der Mutter. Denn bei diesem alltäglichen Ritus schlief er dann ein.
An diesem Abend aber begann der Kleine noch einmal zu philosophieren: „Mama“, meinte der Kleine, „ich hab eine kleine Hand. Du hast ein große. Aber der Papa, der Papa hat a ganz, ganz große.“ Und da musste der Papa noch dazukommen, musste seine große Hand unter die Hand der Mama legen. Und der Bub legte seine Hand in die Hand der Mama und schlief selig ein.

Ein wunderbares Bild, ein wunderbares Gefühl: Die kleine Hand in der großen und diese wiederum in der ganz, ganz großen. Geborgenheit pur! Geschützt und angenommen sein.
Nach diesem Gefühl sehnen sich alle Menschen, nicht nur Kinder: Getragen zu werden, geborgen zu sein. Sie haben heute ein Bild von Walter Habdank in der Hand. Eine große Hand und in dieser großen Hand liegt ein alter Mensch. Der Titel, den W. Habdank diesem Bild gab, lautet: In manibus tuis, in deine Hände. Diesen Satz spricht der Beter im Psalm 31: „In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist.“ Diesen Satz spricht er in einer Situation, wo die Augen müde vom Weinen sind, die Sorgen das Leben verkürzen und der Kummer die Jahre frisst. Wo der Beter die Angst hat, Gott ist nicht in seiner Nähe. Wo er von einer großen Unsicherheit, was wohl noch alles auf ihn zukommen wird, geplagt wird.

Es beeindruckt mich in der Passionserzählung des Evangelisten Lukas, dass Jesus mit diesen Worten stirbt: „Vater, in deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist.“ Jesus stirbt mit diesem alten Gebet seines Volkes auf den Lippen.

Der Krankengottesdienst lädt uns heute dazu ein, sich in die Reihe des Beters von Psalm 31 zu stellen:
- auch wenn Krankheit zu schaffen macht
- die Gebrechen des Alters ihre Spuren hinterlassen
- manche Sorge quält
- vielleicht das Gefühl der Geborgenheit verloren gegangen ist.
Er lädt ein zu beten: „Vater in deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist.“

Ich wünsche uns allen, dass wir es glauben dürfen, was eine Mutter ihrem Kind erklärte, das fragte: „Mama, wie ist es einmal beim Sterben?“ Und die Mutter antwortete: „Ich stelle mir das so vor. Schau, mein Kind, wenn du am Abend im Wohnzimmer auf dem Sofa einschläfst, dann trage ich dich am Abend hinüber in dein Bett in dein Zimmer. Ich glaube, wenn wir einmal sterben, dann trägt uns Gott auf seinen Händen aus diesem Leben hinüber in das Leben bei ihm.“


Pfarrer Stefan Mai

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