Prophezeiter Untergang der Kirche?

Predigt zum 33. Sonntag im Kirchenjahr (Mk 13,24-32)

Am Ende des Kirchenjahrs kommt es von den Lesungen her ganz dick: Schilderungen und Erzählungen von den letzten Dingen, vom Zusammenbrechen und Ende der Welt. „Die Sonne wird sich verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen; die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“
Solche Texte mögen wir nicht. Und am Ende glaubt auch keiner an eine solche Szenerie, dass wirklich einmal von sich aus alles zusammenkracht, wenn der Mensch vernünftig und nicht gegen die Natur handelt.
Warum mutet es sich die Kirche immer am vorletzten Sonntag eines Kirchenjahres zu, sich selbst mit solchen Horrorszenarien zu konfrontieren? Warum lässt sie sich dann am letzten Sonntag des Kirchenjahres, dem Christkönigssonntag, Jahr für Jahr ausdrücklich sagen: Da gibt es aber einen, dem kann keiner das Heft aus der Hand nehmen. Will sie sich vielleicht damit selbst etwas Hartes sagen lassen, dass dieser Untergang auch einmal die Kirche treffen kann und ihre Strukturen in den Grundfesten erschüttert werden? - Dass Er und sein Wort aber trotzdem bestehen bleiben?

Über Jahrhunderte hinweg vermeintliche Sicherheiten beginnen in der Kirche zu wanken. Die Grundfeste der alten hierarchischen Ordnung kommen ins Schwanken - trotz zähem Daran-Klammern.
Die Sonne wird sich verfinstern: Glanz und Wärme strahlt Kirche auf die Gesellschaft immer weniger aus.
Der Mond wird nicht mehr scheinen: Eine wohltuende Atmosphäre innerhalb ihrer Mauern empfinden immer weniger Menschen.
Die Sterne werden vom Himmel fallen: Die Orientierungshilfen, die Kirche Menschen von heute geben möchte, werden immer weniger verstanden oder brüsk abgelehnt.
Muss sich Kirche vielleicht durch solche Evangelientexte sagen lassen, dass sie selbst nur ein Provisorium ist, das für eine bestimmte Zeit seinen Sinn hat, aber auch einmal ausgedient haben kann? Muss sie demütig begreifen lernen, dass Gott nicht aus der Welt verschwindet, auch wenn die Kirche einmal am Boden sein sollte?

Dieser Gedanke ist mir durch den Kopf geschossen, weil ich auf ein Zitat der heiligen Katharina von Siena gestoßen bin. Was litt diese Frau an den Zuständen in ihrer Kirche. Was bemühte sie sich und rackerte sich ab, um das Gesicht ihrer maroden Kirche zu verändern: „Ich mischte mich überall dort ein, wo die Dinge nicht in Ordnung waren.“ Was schrieb sie sich die Finger wund, um Päpsten und Prälaten ins Gewissen zu reden. Den Prälaten hält sie vor: „Nach nichts trachtet ihr mehr als nach Essen, schönen Palästen und großen Pferden!“ Und Papst Gregor dem XI, der seinen Papstsitz nach Avignon verlegte und dort wie ein französischer König residierte, redet sie ins Gewissen: „Kehren Sie nach Rom zurück! Seien Sie kein ängstlicher Säugling, seien Sie ein Mann!“ Diese Frau, die mit 33 Jahren schon starb, weil sie sich bei der Pflege von Pestkranken angesteckt hatte, meinte einmal: ALLES MUSS BIS AUF DEN GRUND ZERSTÖRT WERDEN, DAMIT NEUES WACHSEN KANN.

„Alles muss bis auf den Grund zerstört werden, damit neues wachsen kann.“ Das sind radikale Worte aus dem Mund einer Heiligen. Was bemühen wir uns derzeit den status quo in der Kirche zu halten. Was fällt uns alles ein, um mit Events Leute hinter dem Ofen hervorzulocken! Wo versuchen Laien überall in die Bresche zu springen, um die Flämmchen in der Kirche am Leben zu erhalten? Was betreiben wir alles an Flickschusterei, um in großen Pfarreiengemeinschaften eine gewisse Grundversorgung aufrecht zu erhalten? Hatte nicht aber schon Jesus vor dem vergeblichen Bemühen gewarnt, ein Stück neuen Stoff auf ein altes Kleid zu flicken? Das heutige Evangelium mit dem Zitat von Katharina von Siena in Verbindung gebracht stellt knallhart die Frage: Kann es nicht sein, dass es auch einmal für unsere Kirche gilt: „Alles muss bis auf den Grund zerstört werden, damit neues wachsen kann.“


Pfarrer Stefan Mai

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