Er hat alles gut gemacht

Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis

Einleitung

Wie gut, wenn ich mir am Abend eines Tages sagen kann: Das hast du gut gemacht. Wie gut, wenn Menschen hören dürfen: Mensch, das hast du gut gemacht! Und staunenswert, wenn mir Menschen diese Worte sagen, von denen ich es überhaupt nicht erwartet hätte. Und genau das passiert heute Jesus. Nicht von seinen Freunden hört er diese Worte sondern von Menschen, die von den Juden „Heiden“ genannt wurden.

Predigt

Jedes Mal, wenn ich die alte Schöpfungsgeschichte der Bibel lese oder höre, fasziniert er mich neu, dieser stereotyp wiederkehrende Refrain am Ende eines jeden Schöpfungstages: „Gott sah, dass es gut war“. Mit jedem Tag kommt ein Stück Leben mehr in diese Welt. Mit jedem Tag nimmt das Leben auf dieser Erde an Qualität zu. Gott freut sich über dieses Leben. Und der biblische Autor wird einfach nicht müde, dieses „Gott sah, dass es gut war“ immer wieder in die Herzen der Menschen hineinzusingen. Er lässt dann am Ende des gesamten Schöpfungswerkes noch einmal Gott auf seine Welt schauen und wie in einem feierlichen Schlussakkord hören wir: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte. Es war sehr gut.“ Gottes Schöpfung wird als beste aller Möglichkeiten gefeiert.

An dieses „Gott sah, dass es gut war“ werde ich erinnert, wenn ich am Ende der Erzählung von der Heilung des Taubstummen im heutigen Evangelium die Menschen fast wie im Chor, außer sich vor Staunen über die Heilung des Gehandicapten, ausrufen höre: „Er hat alles gut gemacht!“ Ausgerechnet Menschen im heidnischen Gebiet der Dekapolis bekunden: Im Wirken dieses Jesus ist der Schöpfergott auch heute noch am Werk. Wo er auftritt, da sind Fußspuren Gottes ablesbar, Wie er mit Menschen umgeht, da wird die Handschrift Gottes sichtbar.
Ich verstehe diese spontane Begeisterung der Menschen: „er hat alles gut gemacht!“ angesichts eines Behinderten, der aus einem isolierten Leben wieder neu mitten in das Leben hineingestellt wird. Und doch frage ich mich: Ist diese Reaktion nicht maßlos übertrieben?
Einer wurde geheilt – aber nicht alles ist gut geworden.
Einer wurde aus seiner Sprach- und Kontaktbehinderung befreit – aber daneben stehen noch so viele, die sich nach Linderung ihrer Sorgen und ihres Leids sehnen würden.
Einem wurde geholfen und ist Gutes widerfahren – aber wie viele Menschen hoffen darauf vergeblich?
„Er hat alles gut gemacht!“ Wie schön wär’s! Manchmal gerate ich schon beim Singen des Glorialiedes ins Stocken, wenn freudig gesungen wird: „In jedem deiner Werke, in jeder Kreatur, erglänzet deine Stärke und deiner Liebe Spur“ – und in mir dabei plötzlich Bilder aus der Intensivstation oder Gesichter von Menschen, die Schicksalsschläge getroffen haben, aufsteigen.

Und doch lässt mich dieser staunende Ausruf der Heiden nicht in Ruhe: „Er hat alles gut gemacht!“ Denn er animiert mich, nicht nur mit einem skeptischen und resignierten Blick auf unsere Welt zu schauen, sondern mit den Augen des Glaubens, die in manch kleinem Ansatz zur Veränderung hin zum Guten schon Gott als Freund des Lebens am Werk zu sehen.
Und dieser Satz „Er hat alles gut gemacht“ regt mich an, selbst meinen Beitrag dafür beizusteuern, dass Menschen Gottes guten Schöpferwillen erkennen oder erahnen können. Die Art und Weise wird uns im Wirken Jesu vor Augen gestellt. Gottes guter Schöpferwille wird von Menschen entdeckt, wenn sie erleben dürfen: Da gibt es Menschen, die gehen wie Jesus auf schwierige Menschen zu - ohne dies groß in der Öffentlichkeit auszuspielen. Da rühren Menschen durch ihr Wesen und ihrem Ton Verschüchterte an. Da lassen Wohlwollen und gute Worte Menschen aufblühen. Da haben Menschen auch Mut, den Finger auf wunde Stellen zu legen. Da lassen erfahrenes Wohlwollen wider neues Verrauen zu sich selbst schöpfen.
Wo das geschieht, da kommt Gottes guter Schöpfungswille zum Wirken, da kann man leichter glauben: „Er hat alles gut gemacht“.


Pfarrer Stefan Mai

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