Reliquien, i gitt! – oder jeder hütet sie als Schatz?

Predigt zum Kilianisonntag anlässlich des 60. Gedenktages der Rückführung der Häupter der Frankenapostel von Gerolzhofen nach Würzburg

Stolz zeigt das 10-jährige Mädchen nach den Ferien ihrer Lehrerin eine schön gemaserte Muschel. „Mein Schatz“, sagt sie und ihre Augen leuchten dabei. Und sie erzählt übersprudelnd, wie und wo sie die Muschel fand. Und die Lehrerin versteht sofort: Es geht um mehr als nur um eine Muschel. Es geht um einen herrlichen Urlaub. Noch mehr: Es geht um eine Zeit, da sie Mama und Papa einmal ganz für sich hatte.

Wir hatten an einem Jugendwochenende draußen an einem Bach gegrillt. Als wir ins Haus gingen, da fing die 17- jährige Christel das Weinen an. Sie hatte ihr Halskettchen verloren. Wir wollten sie beruhigen, versprachen ihr, am nächsten Tag, gleich wenn es hell wird, das Kettchen suchen zu helfen. Doch Christel weinte weiter. Als wir fragten, ob ihre Reaktion nicht ein wenig übertrieben sei, meinte sie: „Ihr habt doch keine Ahnung. Diese Kette hat einmal meine Mama getragen.“ Jetzt kapierten wir: Die Mutter von Christel war erst vor einem Jahr mit 43 Jahren gestorben. Für sie war dieses Kettchen viel mehr als nur ein Schmuckstück, viel mehr als nur ein kostbarer Stein und eine Kette aus Gold. Wenn sie dieses Kettchen anlegte, dann erlebte sie ihre Mutter hautnah, dann sah sie ihre Mutter vor sich, wie sie hinter der Ladentheke stand, wie sie mit ihr umging und wie sie ihr schweres Krebsleiden geduldig und tapfer trug. Dieses Kettchen war für Christel eine „Reliquie“ ihrer Mutter. Ein Gegenstand, den sie hinterließ und der sie wie kein anderer an ihre Mutter erinnerte.

Die Bedeutung dieser Art Reliquien kennen wir alle. Die alte Frau liest noch heute manchmal den letzten Brief ihres Mannes, der nicht mehr aus dem Krieg nach Hause kam. Der Witwer trägt den Ehering seiner verstorbenen Frau an einem Halskettchen. Und erst gestern bei der Krankenkommunion erzählte mir eine alte Frau, die viele Landschaftsbilder ihres Großvaters im Zimmer hängen hat. Als sie die Bilder zum Rahmen brachte, da meinte der Verkäufer: „Die Bilder sind doch nicht so wertvoll, dass sie dafür einen so schönen und teuren Rahmen aussuchen!“ Und die Frau konterte: „Sie haben doch keine Ahnung, dass diese Erinnerungsstücke an meinen Großvater einen ganz anderen Wert für mich haben.“

Zugegeben, die Art dieser Reliquien, d.h. Überbleibsel von einem Menschen liegen auf einer etwas anderen Ebene als die Reliquien der Frankenapostel. Aber sie können uns für die Bedeutung der Reliquien in unserer Kirche eine Verständnistür öffnen.

Der Gerolzhöfer Pfarrer Hersam war davon überzeugt, dass die drei Schädeldecken der Frankenapostel Identitätsmarker für die Diözese Würzburg darstellen. Und deshalb die große Sorge, die Nazis könnten sie beschlagnahmen und somit der Kirche einen Schlag versetzen. Weshalb in geheimer Kommandosache die Häupter von Kilian, Kolonat und Totnan nach Gerolzhofen in den Nordturm kamen, in der Hoffnung, sie für die Diözese bewahren zu können. Und der Verlauf der Geschichte gab ihrem Gefühl Recht. Die Reliquien der Frankenapostel hätten Würzburg in Flammen nicht überlebt.
Und für so manchen alten Menschen aus Gerolzhofen und der Umgebung ist es noch sehr emotional in Erinnerung, wie heute vor 60 Jahren die drei Häupter fast wie in einem Triumphzug in drei Tagen von Tausenden von Menschen zu Fuß wieder in die Bischofsstadt begleitet wurden.

Liebe Leser, ich hätte nicht die Pfeife meines Vaters und seine Tabakdose im Bücherregal stehen, wenn sie für mich nicht verkörpern würden, was ihm wichtig und heilig im Leben war: die Freude an der Arbeit, ohne gleich nach Rentabiltät zu fragen, Uneigennützigkeit, der Stolz auf seine Kinder, eine stille dankbare Frömmigkeit, den Frieden, den er leben wollte. Für mich Werte, die es wert sind und zugleich Verpflichtung, sie auf meine Art weiterzutragen.

Und ich bin ebenso überzeugt, wenn Tausende von Menschen in der Kilianiwoche vor den Schädeldecken der Frankenapostel stehen, dann spüren auch sie noch heute:
Diese Reliquien erinnern in einer hohen Emotionalität an den Ursprung der Glaubensgeschichte in unserem fränkischen Land. Sie erinnern an den Abenteurermut und Lebenseinsatz dieser irischen Wandermönche für ihre Glaubensüberzeugung. Sie erinnern daran: Wenn Christentum überleben will, dann müssen immer wieder neue Wege gegangen werden, um den Glauben überzeugend in die jeweilige Zeit und Kultur weiter zu tragen. Und es braucht die Überzeugung: Glaube erfordert unseren Einsatz, damit das Glaubenslicht, wie es in unserem Kilianslied heißt, im Frankenland nicht erlischt.


Pfarrer Stefan Mai

© Stefan Mai 2001 - 2018
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Pfarrer Stefan Mai.

www.stefanmai.de