Da fehlt das Herz

Predigt zum 5. Fastensonntag 2009 (Jer 31,31-34)

Was war ich blöd, hab mich im Betrieb reingehängt, als wär er mein eigener. Doch keinen Dank geerntet. Jetzt mach ich nur noch Dienst nach Vorschrift. Ich erledige meine Arbeit, lass mir nichts nachsagen, aber Herzblut hänge ich nicht mehr dran. Die Arbeit läuft weiter, aber es fehlt das Herz und dem Arbeiter die Begeisterung.

Der Redner hält einen ausgefeilten Vortrag. Die Worte fließen, Gedanken über Gedanken, eloquent, belesen, gescheit. Aber die Zuhörer merken: Irgend etwas fehlt: das Herz!

In der Familie klappt alles. Alles klar geregelt, alles abgesprochen, die Rollen klar verteilt. Die Kinder sind wohl erzogen und erfolgreich. Gestylte Wohnung. Alles picco-bello. Aber irgendwie, wenn man in das Haus kommt, spürt man, da fehlt etwas: die Wärme, das Herz.

Eine aktive Pfarrgemeinde. Was gibt es alles für Veranstaltungen, Vorträge, Gruppen und Kreise. Die Organisation klappt wie am Schnürchen. Beste Voraussetzungen: Tolles Pfarrheim, ausreichend Gruppenräume, bestens ausgestattet das Pfarrbüro. Rührige Haupt- und Ehrenamtliche. Aber trotzdem spüren manche. Zu viel Routine. Da fehlt etwas: das Herz.

Der Profet Jeremia spürt: Die Weisungen Gottes, die hl. Schriften Israels, sie kommen nicht mehr an. Dem Volk Israel gehen sie nicht mehr zu Herzen und das Herz Israels schlägt nicht mehr dafür. Die Tora, das Gesetz, ist nicht mehr der Stolz und die Freude eines Volkes, sondern nur noch ein kaltes „Muss“. Und da träumt der Profet diesen Traum vom neuen Bund: „Seht, es werden Tage kommen, in denen ich einen neuen Bund schließen werde, nicht wie der Bund war, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm, um aus Ägypten herauszuführen.....Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz.“ Nicht mehr auf steinerne Tafel soll die Weisung Gottes gemeißelt werden, sondern auf das menschliche Herz mit Fleisch und Blut graviert werden. Dem Herzen nahe gehen sollen diese Worte. Nicht mehr nur Vorschrift sein. Nicht einfach auswendig gelernt werden, sondern im wahrsten Sinn des Wortes in-wendig, den Menschen im Herzen treffen.

Liebe Leser,
im Englischen sagt man für „Auswendiglernen“ „learning by heart“ - mit dem Herzen lernen, genauso die Franzosen: „apprendre par coeur“. Diese Sprachen bringen zum Ausdruck: Erst wenn der Inhalt im Herzen ankommt und nicht nur über den Kopf geht, dann packt er dich, beschäftigt dich, dann bestimmt er dein Leben und Handeln. Wem Lebensweisheiten, Gedichte, Gebete, Lieder ins Herz geschrieben sind, der trägt einen großen Schatz in sich. Ob unsere Gesellschaft, die dauernd das Wort Bildung im Mund führt, dauernd neue Bildungsprogramme auflegt, nicht diese Herzensbildung wieder neu zu entdecken hat?


Pfarrer Stefan Mai

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