Drei Freunde und zwei Berge

Predigt zum 2. Fastensonntag 2009 (Mk 9,2-10)

In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt...(Mk 9,2)
Und die drei Freunde erleben auf dem Gipfel des Berges eine Stunde des Glücks. In dieser Stunde geht ihnen die Sonne der Klarheit auf. Ihnen wird gezeigt, wer ihr Freund Jesus eigentlich ist: Er ist einer der ganz Großen ihres Volkes. Die beiden Säulen des jüdischen Glaubens, Mose, der Befreier aus der Unterdrückung und Gesetzgeber und Elija, der große Kämpfer für den Jahweglauben, rahmen Jesus ein und sprechen mit ihm. In der Wolke werden sie von der Nähe Gottes berührt. Sie fühlen sich wie im Himmel. Eine Stunde des tiefen Glücks in der Geschichte ihrer Freundschaft mit Jesus. Kein Wunder, dass Petrus diesen Augenblick nicht vergehen lassen möchte und ihn festhalten will.

Ein paar Kapitel später im Markusevangelium holt Jesus diese drei Freunde wieder zu sich. Und wieder geht er einen Berg hinauf. Aber diesmal ist die Situation eine ganz andere. Der Berg heißt nicht Tabor, sondern Ölberg. Markus erzählt: „Und Jesus nahm Petrus, Jakobus und Johannes mit sich. Da ergriff ihn Furcht und Angst und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht! Und er ging ein Stück weiter, warf sich auf die Erde nieder und betete, dass die Stunde, wenn möglich, an ihm vorüber gehe ...“ (Mk 14,33-36).
Diesmal scheint nicht die Sonne, es ist Nacht. Diese Stunde ist keine Stunde des Glücks, sondern eine Stunde der Angst. Sie ist nicht gotterfüllt, sondern Gott scheint weit weg zu sein. Auf diese Stunde hat keiner gehofft und sie herbeigesehnt, keiner möchte sie festhalten. Nein, vor einer solchen Stunde hat man nur Angst und würde am liebsten auf und davon.

Der Evangelist Markus erzählt: Ganz bewusst möchte Jesus diese drei Freunde bei seinem schweren Gang auf seinem Leidensweg bei sich haben. Die drei, die ihm besonders nahe standen, mit denen er so viel erlebt hat, mit denen er für seinen großen Traum von der Gottesherrschaft durch das Land gezogen ist, mit denen er die glücklichsten Stunden seines Lebens teilen durfte. Er möchte jetzt diese drei ganz nah bei sich wissen. Denn er spürt: Es gibt kein Entrinnen mehr, jetzt geht es in die Passion, in die Angst, in die Ausweglosigkeit, ins Sterben.

Liebe Leser,
spüren Sie es: Da erzählt der Evangelist Markus von Jesus, was eine urmenschliche und tiefe Sehnsucht von uns Menschen ist. Die Menschen, mit denen ich mich im Leben besonders verbunden wusste, die mir nahe standen und mit denen ich die tiefsten Stunden des Glücks teilen durfte, diese sollen auch einmal bei meinem letzten schweren Gang, dann, wenn es zu leiden gibt, wenn die Hoffnung stirbt, auf dem harten Pflaster des Lebens an meiner Seite sein. Das Evangelium erzählt uns: Den Dreien ging dies über die Kraft, und Jesus musste seinen Weg allein gehen.
Auch wir wissen - und vor allem Menschen, die andere in dunklen Ölbergstunden begleiten: Die Ohnmacht, die Angst, die Aussichtslosigkeit, die Nächte des Leids von lieben Menschen mit auszuhalten, kann schnell über die Kraft gehen.
Aber auch das erfahren Menschen: In solchen Ölbergstunden helfen einem oft Erinnerungen an gemeinsame Taborstunden. Oft wachsen einem dadurch unerwartete Kräfte zu, die sich keiner zugetraut hätte.


Pfarrer Stefan Mai

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