Immer wieder aufstehen

Predigt zum Valentinstag in Kammerforst am 14.02.2009

Einleitung

Manchmal muss man einfach nur an dem, was man für wichtig und richtig hält, festhalten, auch wenn man es für unmodern hält. Und plötzlich ist man wieder völlig „in“. Manchmal muss man bei den schnelllebigen Moden bei Dingen bleiben, die als alter Tobak gelten und auf einmal sind sie wieder der neueste Schrei. Das, meine ich, kann man am Valentinstag studieren.
Die Kammerforster haben ihren Patron immer gefeiert, auch in Zeiten, wo er noch nicht so „in“ war wie heute mit dem Geschäft um den Valentinstag. Aber ich denke, wir müssen auch heute, wo der Name Valentin wieder in aller Munde ist, diesen Valentin so feiern, dass er uns nicht nur für ein paar romantische Stunden, sondern auch für Stunden, in denen es im Leben bitter ernst wird, eine echte Lebenshilfe ist.

Predigt

„Am liebsten möchte ich am Morgen gar nicht mehr aufstehen“, sagt die depressive Frau. „Ich muss mich direkt zwingen, aus dem Bett zu steigen. Ich hab nichts, wofür es sich aufzustehen lohnt. Ich hab einfach nur Angst vor dem Tag. Ich sehe nichts, wofür es sich zu leben lohnt.“

Von dem Schlag erholt sich unser Vater nie mehr, fürchten die Kinder. Vater und Mutter waren doch so eng miteinander verbunden. Mit zunehmenden Jahren sind sie immer mehr zusammengewachsen, so dass wir den Eindruck hatten, sogar ihre Gesichtszüge ähneln sich immer mehr. Und jetzt dieser plötzliche Tod der Mutter. Was haben die beiden nach der Pensionierung von der gemeinsamen Zeit geträumt. Was wollten sie alles noch gemeinsam tun, jetzt da sie endlich einmal für einander Zeit hatten. Und jetzt dieser Schlag.

„Ich glaube, ich komme nicht mehr auf die Beine“, sagt der Kranke ganz leise. „Keine Kraft mehr in mir. Mir fehlt der Appetit. Was soll nur aus mir werden? Mein Gott, wie wenig hat man das geschätzt, am Morgen einfach aufstehen können. Erst jetzt als Kranker weiß man, was es heißt aufstehen zu können.“

„Das Größte, was ein Mensch leisten kann, ist: aufzustehen, wenn man ihn in die Knie gezwungen hat,“ sagte einmal der bekannte amerikanische Footballtrainer Vince Lombardi. Ja, das ist etwas Großes, wenn Menschen nach Niederlagen, nach großen Enttäuschungen, nach Krisenzeiten und Fehlentscheidungen sich wieder aufrappeln, nicht im Sumpf des Pessimismus versinken und langsam wieder sagen lernen: „Es geht wieder. Langsam sehe ich wieder einen Hoffnungsschimmer.“
Aber wenn das nur so leicht wäre. Das spüren viele: Eiserner Wille allein genügt nicht. Und das bekommen wir immer wieder gezeigt: Wenn ein Mensch am Boden ist, können wir ihm noch so gut zureden und unsere Worte gehen über ihn hinweg. Wenn ein Mensch im Loch sitzt, können wir noch so auf ihn einreden; unsere Worte erreichen ihn nicht.

Die Alten wussten dies. Und in ihrer Not schauten sie in solchen Situationen, wo sie am Boden waren, wo sie das Gefühl der Ohnmacht überfiel und wo sie keine Kraft mehr in den Gliedern hatten, auf Glaubensvorbilder, die solche Lebenslagen durchstanden hatten. Und sie hofften, dass der Blick auf sie auch ihnen hilft, diese schweren Zeiten zu bewältigen.

Zu diesen Glaubensvorbildern gehörte der heilige Valentin. Er wurde besonders bei den sogenannten hinfallenden Krankheiten angerufen. In Ohnmachtssituationen, wo Menschen nicht mehr hochkamen. Egal ob dieses Vertrauen zu Valentin daher kommt, dass der Name Valentin einen Gleichklang zu dem deutschen Wort „fallen“, „hinfallen“ hat, und so zum Patron in der Fallsucht wurde. Oder ob die Erklärung aus der Heiligenlegende stimmiger ist. Die „Legenda aurea“ erklärt es damit, dass der heilige Valentin selbst niemals „gefallen“ sei, das heißt, dass er seinen Glauben bis zum Martyrium verteidigte und felsenfest zu ihm stand. Die Alten vertrauten darauf: Der Blick auf Menschen, die schlimme Situationen durchgestanden, überstanden haben und wieder aufgestanden sind, können in mir selbst Kräfte mobilisieren, wenn ich am Boden bin.

Ein solches modernes Valentin-Glaubensbeispiel ist Waltraud, der der frühere Gefängnis- und Aidsseelsorger Petrus Ceelen ein Buch widmet. Diese Widmung lautet.

Für Waltraud

Sie kann nicht stehen
meist nur noch liegen

„Sie leiden an multipler Sklerose.
Sie haben noch zwei Jahre oder länger.“

Das sagte ihr der Arzt vor 42 Jahren.
In diesem Jahr wird Waltraud siebzig.

Die starke Frau hilft anderen,
ihr schweres Leiden zu bestehen
und jeden Tag neu aufzustehen.


Fürbitten

Herr, unser Gott, wie unsere Vorfahren seit alter Zeit es tun, feiern wir auch heute im Jahr 2009 unseren Kirchenpatron, den heiligen Valentin. Wir bitten dich an seinem Gedenktag:

Lass uns dafür dankbar sein, dass wir heute wieder gesund aufstehen durften und auf den eigenen Beinen stehen können

Lass uns jeden Tag neu im Leben stehen und unsere Aufgaben bestehen

Lass uns auch schwere Tage durchstehen und dem Bösen widerstehen

Lass uns auch Menschen, mit denen wir uns schwer tun ausstehen und zu uns selbst stehen

Lass uns jeden Tag neu verstehen, dass du hinter allem stehst

Lass unsere Toten aufstehen zu neuem Leben

Darum bitten wir dich durch Christus, unsern Herrn. Amen


Pfarrer Stefan Mai

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