Hörst du Stimmen?

Predigt zum 2. Sonntag im Jahreskreis (1 Sam 3,3b-10.19)

„Hörst du Stimmen?“, fragt Till Schweiger in dem Film „Barfuß“ Leila in einer Nacht. Er will seine Freundin damit einem kleinen psychiatrischen Test unterziehen. Denn er hat Angst, sich mit Leila, die er in der Psychiatrie kennengelernt hatte, ein Problem auf den Hals zu laden. Grundehrlich, liebevoll und fast naiv antwortet Leila: „Ja - und zwar deine!“ Und sie fährt erstaunt weiter: „Warum, ist sonst noch jemand hier?“

Wer Stimmen hört, ist ein Fall für die Psychiatrie. Das ist die gängige Meinung. Und wir wissen auch, wie Menschen gejagt und geängstigt sein können, wenn sie dauernd Stimmen hören. Aber diese Antwort von Leila verunsichert den Zuschauer, lässt eine vorgefasste Meinung in die Irre laufen und macht nachdenklich.

Samuel hatte Glück, dass der alte Priester Eli, der blind war, der die Menschen nicht mehr sehen konnte, keine Angst bekam, als dieser eine Stimme hörte und sie nicht zu deuten wusste. In seiner sensiblen und unaufgeregten Art rät Eli dem jungen Samuel, genauer auf die Stimme zu hören und sie ernst zu nehmen. Und er hilft so einem jungen Menschen, diese innere Stimme als an einen Anruf Gottes zu deuten und mit seinem Leben darauf zu antworten.

Nimm deine innere Stimme ernst, rät diese uralte Geschichte aus der Bibel. Nimm ernst, was du im Bauch fühlst, auch wenn du dieses Bauchgefühl noch nicht so richtig zu deuten weißt. In diesem Gefühl liegen oft verschlüsselte Botschaften, ja Geschenke, die du geduldig und sorgfältig aufpacken musst. Sie zeigen dir etwas von einer verschütteten Lebenssehnsucht, vielleicht sogar den Weg zu einem sinnerfüllten Leben.

Junger Mensch, schau auf Samuel! Frag dich, wo bin ich mit meiner Seele. Frag dich: Wohin zieht´s mich in meinem Inneren, wohin zieht mich mein Herz? Deck diese Fragen nicht gleich zu mit Spekulieren und Berechnen, wo es am schnellsten und leichtesten möglichst viel Geld zu verdienen gibt. Deutschland leidet darunter, dass Menschen in diese Falle laufen und am Ende widerwillig ihre Arbeit, obwohl sie schon längst innerlich gekündigt haben. Wisse aber auch , zu diesen Fragen gehört Mut und vor allem du brauchst Orte, Zeiten, dich diesen Fragen zu stellen. Und - du brauchst Menschen, zu denen du Vertrauen hast, über solche Fragen zu sprechen.

Du Frau, du Mann im besten Alter, schau auf Samuel! Wenn du vollgefüllt bist mit Aufgaben und Pflichten, wenn du das Gefühl hast, du läufst wie in einem Hamsterrad und das Laufen nimmt kein Ende. Dann halt manchmal an. Hör auf die versteckten Botschaften deines Körpers, achte auf seine Signale, nimm ernst, was dich vom Schlaf aufwachen lässt. Bringe diese Stimmen in dir nicht einfach zum Verstummen. Sie wollen dir wichtiges über dein Leben sagen.

Du als ein Mensch, der sein Leben aus dem Glauben heraus gestalten möchte. Wenn täglich so viele Stimmen auf dich eindringen, so viele Verheißungen dich umgarnen. Wenn du dich fragst: Was ist richtig und wichtig? Schau auf Samuel! Vielleicht kann uns ein Rat von Dietrich Bonhoeffer helfen, dieser inneren Stimme Raum zu geben und wie Samuel die Stimme Gottes hindurch zu hören. Bonhoeffer meint: „Wir schweigen am Anfang des Tages, weil Gott das erste Wort gehört, und wir schweigen am Ende des Tages, weil Gott das letzte Wort gehört.“

Liebe Leser, „hörst du Stimmen?“, fragt Till Schweiger Leila im Film „Barfuß“. Und sie antwortet: „Ja, und zwar deine.“
Hörst du Stimmen? Wenn ich diese Frage an mich heranlasse und wenn ich ganz naiv antworten kann: Ja ich höre Stimmen, meine, deine, und erahne vielleicht sogar die Stimme Gottes. Dann bin ich kein Fall für die Psychiatrie, sondern kerngesund, ein wahrnehmungsfähiger Mensch, der verantwortungsvoll mit dem Leben umgeht.


Pfarrer Stefan Mai

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