„...und sagte kein einziges Wort...“

Predigt zum 2. Sonntag nach Weihnachten (Joh 1,1-18)

Im Jahr 1953 erschien von Heinrich Böll der Roman „Und sagte kein einziges Wort“. Dieser Roman erzählt von einem Ehepaar, von Fred und Käte Bogner. Die beiden haben es schwer miteinander. Sie haben mit sich zu kämpfen. Sie hausen mit ihren drei Kindern in Köln in einer 1- Zimmer Wohnung des bischöflichen Ordinariats, während nebenan das ältere kinderlose Ehepaar Franke eine 4-Zimmerwohnung bewohnen kann, weil ja Frau Franke eine leitende Funktionärin in Vereinen der katholischen Kirche ist. Fred hält diese Verhältnisse nicht aus, reißt immer wieder von daheim aus, trinkt und verhaut das wenige Geld mit Spielen. Als Telefonist im bischöflichen Ordinariat kann er die Gespräche offizieller Stellen mithören. Von den Worten der Kirche hält er nicht viel. Enttäuscht meint er: „Ich habe den Bischof schon oft gehört, mich immer bei seinen Predigten gelangweilt...Das Vokabularium seiner Predigten scheint theologischen Stichwortverzeichnissen entnommen, die seit vierzig Jahren unmerklich, aber stetig an Überzeugungskraft verloren haben. Stichworte, die Phrasen geworden sind, halbe Wahrheiten. Die Wahrheit aber ist nicht langweilig, nur hat der Bischof die Gabe, sie langweilig erscheinen zu lassen.“

Auch seiner Frau geht es nicht anders. Die Gottesdienste besucht sie nicht mehr. Aber manchmal schleicht sie für ein paar Momente in die leere Kirche und sucht im Gebet Trost. Eines Sonntagsmorgens hört sie in ihrer Wohnung im Widerhall von drei Gottesdiensten, die in ihrer Wohngegend gerade zelebriert werden, auf dem Radio den heiseren Gesang eines Negers, der alles durchdringt und ihr Herz berührt. Der Neger singt gerade die Worte aus einem Spiritual: „And he never said a mumbaling word...und er sagte kein einziges Wort...“ Es ist ein Lied aus der Passion Christi, wie Jesus vor Pilatus kein Wort mehr spricht und so der Lage trotzt. Mit diesem Lied haben sich Negersklaven einst Mut gemacht, mit ihrer ohnmächtigen Lage fertig zu werden. Und Käthe spürt, wie dieses Wort ihr Kraft gibt, ihre schier aussichtslose Lage anzunehmen. „Ich höre den sanften und so heiseren Schrei des Niggers, höre ihn durch zwei wässerige Predigten hindurch, und ich spüre, wie mein Hass hochsteigt, Hass gegen diese Stimmen, deren Gewäsch in mich eindringt wie Fäulnis.“ So beschreibt sie ihr Empfinden.

Meisterhaft und mit bitterer Ironie beschreibt Heinrich Böll die Sehnsucht von Menschen nach einem erlösenden Wort, nach einem Wort, das ihnen hilft, mit ihrem Leben ein Stück besser fertig zu werden. Wie gerne würden es diese zwei Menschen, Fred und Käthe, aus dem Mund der Kirche hören, die doch die frohe Botschaft verkünden will. Wie gerne würden diese zwei Menschen etwas von der Kraft dieses Wortes erfahren, von dem ein romantisches Gedicht sagt:

„...Das Wort ist Leben
und Leben weckt es, und Leben wirkt es,
und unermessliche Schätze birgt es,
und wenn einst Himmel und Erde vergehn:
das Wort - das Wort bleibt ewig bestehn.“


Aber Käthe vernimmt das Wort, das ihr hilft nicht mehr in der Kirche, sondern nebenbei auf dem Radio.

Liebe Leser, ich bin überzeugt: Ungeheuer viele Menschen sehnen sich auch heute nach einem Wort, das ihnen ihr Leben anzupacken hilft, nach einem Wort, das ihnen Mut macht, Trost, Kraft und Geduld schenkt.
Ich glaube aber auch, dass viele Menschen heute über Kirche ähnlich denken und fühlen wie Käthe und Fred: Frommes Gewäsch... fernab dem Leben... mich bei Predigten gelangweilt ...Phrasen... halbe Wahrheiten.
Welche Kraftquellen könnten doch unsere Gottesdienste sein, wenn Menschen in unseren Gebeten, in der Predigt und in unseren Liedern auf Worte stoßen würden, die ihr Herz berühren. Auf ein Wort, von dem sie spüren: Das hat Gott für mich durch einen Menschen in mein Leben hineingesprochen. Der Evangelist Johannes drückt das theologisch so aus: „Und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Und das Wort ist Fleisch geworden.“


Pfarrer Stefan Mai

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