Gegenüberstellungen

Gedankenanstoß zur Bibelausstellung in der Otto Schäfer Bibliothek am 16.11.2003 zu den Werken „Begegnung“ von Willi Grimm

I.

Wenn ich auf das Leben und die Natur schaue, dann fällt mir auf, dass das Leben und die Natur polar angelegt sind: Werden und Vergehen, Nacht und Tag, Sonne und Regen, Hitze und Kälte, Frühjahr und Herbst, scharf und süß, spitz und rund, weich und hart, traurig und fröhlich, Kindheit und Alter, Saat und Ernte, hoch und tief, klein und groß....Diese Reihe ließe sich beliebig vermehren.
Auch die Grundkonstellation des Menschen ist in den Geschlechtern polar angelegt: Mann und Frau als Gegenüber. Schon in dieser Grundkonstellation liegt eine große Spannung, zugleich aber auch eine ungeheurer Reiz und eine Chance.
Süffisant und überzeichnet beschreibt der bekannte Barock-Prediger Abraham a Santa Clara die Gefahren, die er in seinem Umfeld in dieser Grundkonstellation, im Gegenüber von Mann und Frau, entdeckt:

„Obgleich unter ein Joch gespannt, daher sie conjuges benamset werden,
treiben Mann und Frau es oft so miteinander:
Will er sauer, will ich süß.
Will er Mehl, so will ich Grieß.
Schreit er Hu, so schrei ich Ha.
Ist er dort, so bin ich da.
Will er essen, so will ich fasten.
Will er gehen, so will ich rasten.
Will er recht, so will ich link.
Sagt er Spatz, so sag ich Fink.
Isst er Suppen, so will ich Brocken.
Will er Strümpf so will ich Socken.
Sagt er ja, so sag ich nein.
Sauft er Bier, so sauf ich Wein.
Will er dies, so will ich das.
Singt er den Alt, so sing ich den Baß.
Steht er auf, so sitz ich nieder.
Schlägt er mich, so kratz ich wieder.
Will er hü, so will ich hott.
Das ist ein Leben, erbarm es Gott!“



II.

Wenn in der Gegenüberstellung polarisiert wird, so zieht Abraham a Santa Clara sein Fazit: „Das ist ein Leben, erbarm es Gott.“ Anders sieht der inzwischen über 70-jährige Bildhauer Willi Grimm aus Kleinrinderfeld diese polare Grundkonstellation der Geschlechter in seinen zwei Plastiken, die er uns für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt hat. „Begegnung“ nennt er sie. Mann und Frau stehen sich einander gegenüber in ihrer Unterschiedlichkeit und gehören doch zusammen. Sie gehen nicht ineinander auf, sie reiben sich aneinander (man beobachte die raue Oberfläche des rotbraunen Paares), sind sich aber trotzdem ungeheuer nah. Aber zugleich: Obwohl es sie zueinander hinzieht, obwohl sie mit dem bekannten mittelalterlichen Gedicht davon träumen: „Du bist mein. Ich bin dein, dessen sollst du dir gewiss sein“, müssen sie es trotzdem mit Werner Bergengruen eingestehen: „ Ich bin nicht dein. Du bist nicht mein. Keiner kann des andern sein.“ Schon unsere Haut grenzt den Menschen ab und lässt eine Verschmelzung nicht zu.

Trotz dieser Grenze gibt es Brücken, die unterschiedliche Menschen zu einem Miteinander und Ergänzendem werden lässt. Die Punkte, an denen sich in den Kunstwerken Grimms die gegensätzlichen Partner berühren sind im Kopf-, Lippen- und Genitalbereich. Welch ein Glück, wenn Menschen, die unterschiedliche Denkstrukturen haben, entdecken: Der sagt genau das gleiche, was ich eben gedacht habe. Welch ein Glück, wenn zwei unterschiedliche Menschen das Gefühl haben: Trotz so vieler Unterschiede zieht es uns zueinander hin. Wir passen und gehören zusammen. Wir können miteinander echt kommunizieren und nicht nur über das Wetter und was es zu Essen gibt reden. Welch ein Gefühl, wenn Menschen in fast ekstatischem Rausch sich einander hingeben können im festen Wissen: der andere lässt mich nicht fallen.
Auf Dauer – das weiß jeder - kann dies nur gelingen, wenn ich Respekt vor der Andersartigkeit eines Menschen habe und mir klar mache: Ich werde einen Menschen nie mit Gewalt verändern können. Wenn ich ihm einen Dienst erweisen will, dann kann ich nur meinen Beitrag dazu leisten, dass ein Mensch sich zu sich selbst befreit. Ein Grundaxiom jeder gelungenen Beziehung ist: Groß voneinander denken und sich vor einem skeptischen Konkurrenzdenken schützen. Dann wird Kritik an meiner Person und meinem Verhalten nicht gleich nach dem Muster interpretiert: Du willst mich nur klein machen, du lässt kein gutes Haar an mir. Dann spüre ich hinter Kritik eher das Bemühen, da will mich einer zum Nachdenken bringen und mich in meiner Entwicklung fördern. Wenn bei allem Unterschied die Beziehung von der Verlässlichkeit des Wohlwollens getragen ist dann können Menschen voneinander ehrlich sagen: Ohne den anderen wäre ich ärmer. Mein Gegenüber ist wie eine fehlende Hälfte, eine große Ergänzung und Bereicherung.

(Lesung aus dem Buch Genesis)

Dann sprach Gott, der Herr: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. Gott der Herr formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heißen. Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen entsprach, fand er nicht.
Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu. Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie Heißen; denn vom Mann ist sie genommen. Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch. Beide, Adam und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander. (Gen 2, 18-24).


- Musik -


III.

Was soll diese Gegenüberstellung von Mann und Frau in einer Bibelausstellung? Was sollen diese Skulpturen zwischen den Bibelausgaben. Ich denke, sie wollen mir zeigen:
Auch das Wort der Bibel ist mir gegenübergestellt. Hier das Wort der Schrift – hier ich als Mensch. Hier die heilige Schrift und hier die Zeilen meines Lebens. Hier die Erfahrungen der Menschen, die sie mit Gott und dem Glauben an Jesus vor vielen hundert Jahren gemacht haben und hier ich mit meinen Erfahrungen und Glauben.
Das Wort der Bibel ist mir gegenübergestellt. Ihre Worte sind nicht meine Worte. Ihre Gedanken nicht meine Gedanken. Ich werde diesen Worten und Gedanken nicht immer gleich beipflichten können. Oft sind sie so anders als die meinigen. Oft fordern sie direkt heraus, reden ins Gewissen, kritisieren und stellen in Frage. Oft höre ich Meinungen und Ansichten, die mir nicht in den Kram passen und an denen ich schwer zu kauen habe. Oft behalten sie eine gewisse Fremdheit und Distanz und gehen mir gegen den Strich.
Und doch gibt es so viele Berührungspunkte zwischen diesen alten Worten und meinem modernen Leben. Oft spüre ich: Die gehen mich etwas an, die rühren in mir etwas auf, lösen etwas aus, bringen mich zum Nachdenken, sind fähig, zu trösten oder zu inspirieren, führen zu überraschenden Einsichten, ja begleiten mich durchs Leben.

Die Skulpturen von Willi Grimm zwischen den Bibelausgaben vermitteln für mich diese Botschaft: Die Begegnung, vielleicht Auseinandersetzung mit dem Gegenüber der Heiligen Schrift kann mir nur unter der Voraussetzung zum Segen werden, die auch für eine fruchtbare Begegnung zwischen zwei unterschiedlichen Menschen gilt: Die Gegenüberstellung Mensch und das Wort der hl. Schrift wird zu einer fruchtbaren Begegnung, wenn ich diesem Wort in Respekt begegne, mit einer gewissen Hochachtung, mit einem Vorschuss an Vertrauen. Die Gegenüberstellung mit dem Wort der hl. Schrift wird für mich zum Segen, wenn ich ihm zutraue, dass es mich zu mich selbst befreien kann, wenn ich zu ihm eine Beziehung aufbaue und habe.



Und vielleicht verhalten wir uns gegenüber der heiligen Schrift deshalb in unseren Kirchen ähnlich wie gegenüber einem Menschen, den ich schätze und liebe: Wir zeigen ihr gegenüber Gesten der Hochachtung und des Respekts. Vor dem Evangeliar lassen wir Weihrauch aufsteigen, wir verneigen uns vor der heiligen Schrift, bei einem feierlichen Einzug wird sie hochgehalten oder ans Herz gedrückt. Ihr gebührt ein Ehrenplatz im liturgischen Raum. Nach den Verlesen des Evangeliums küsst sie der Priester nach katholischem Ritus. Menschen, die das Wort der Schrift schätzen, die können dem Beter des Psalms 119 zustimmen:

(Lesung aus dem Psalm 119)

Wie lieb ist mir deine Weisung;
ich sinne über sie nach den ganzen Tag.
Dein Gebot macht mich weiser als all meine Feinde;
denn immer ist es mir nahe.
Ich wurde klüger als all meine Lehrer;
denn über deine Vorschriften sinne ich nach.
Mehr Einsichten habe ich als die Alten;
denn ich beachte deine Befehle.
Von jedem bösen Weg halte meinen Fuß zurück;
denn ich will dein Wort befolgen. Ich weiche nicht ab von deinen Entscheiden,
du hast mich ja selbst unterwiesen.
Wie köstlich ist für meinen Gaumen deine Verheißung,
süßer als Honig für meinen Mund. (Ps 119, 97-103)


Deine Vorschriften sind der Bewunderung wert;
darum bewahrt sie mein Herz.
Die Erklärung deiner Worte bringt Erleuchtung,
den Unerfahrenen schenkt sie Einsicht.
Weit öffne ich meinen Mund und lechze nach deinen Geboten;
denn nach ihnen hab´ich Verlangen. (Ps 119, 129-131)

- Musik -


Wechselgebet:

V/A: Kommt lasst uns danken dem Herrn und ihn für seine Güte preisen

V: Herr, unser Gott, du schenkst uns das Leben, deine Worte richten uns auf und geben unserem Leben Richtung.

V/A: Kommt lasst uns danken dem Herrn und ihn für seine Güte preisen

V: Herr, unser Gott, dein Wort ist uns Zuspruch und Ermutigung. Dein Wort ist ein Wort in unser Leben, ein Wort, das trifft und uns angeht.

V/A: Kommt lasst uns danken dem Herrn und ihn für seine Güte preisen

V: Herr, unser Gott, dein Wort ist mehr als eine Lehre, mehr als ein Gesetz. Es stellt mich in Frage, fordert mich zum Nachdenken heraus und drängt zum Tun.

V/A: Kommt lasst uns danken dem Herrn und ihn für seine Güte preisen

V: Herr, gib mir immer wieder Freude und Trost in deinen Schriften. Hilf, dass ich sie richtig verstehe – nach deiner Wahrheit, nicht in meinem Sinn. Lass mich das Wort in ihnen finden, das mir hilft, so zu leben, wie du es von mir verlangst. Amen


Pfarrer Stefan Mai

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