Falten, Falten, Falten

Predigt zum Dreifaltigkeitssonntag beim Rundfunkgottesdienst in Grafenrheinfeld am 15.06.2003

Einleitung zum Gottesdienst

Wir begrüßen Sie heute zum Rundfunkgottesdienst am Dreifaltigkeitssonntag recht herzlich aus der Kirche Kreuzauffindung in Grafenrheinfeld bei Schweinfurt. Unsere Kirche hat sich vor 150 Jahren aus einem kleinen Kirchlein zu einem stattlichen Bau mit zwei Türmen entwickelt. Diese Türme waren einmal das Wahrzeichen unseres Dorfes. Heute ist Grafenrheinfeld bekannter durch zwei andere Türme: die Kühltürme des Atomkraftwerks. Trotzdem ist diese Kirche das Schmuckstück unseres Dorfes geblieben.
Nach der Renovierung und Installierung einer großen Orgel mit 43 Registern vor sieben Jahren hat sich unsere Kirche zu einem Zentrum für geistliche Musik in unserer fränkischen Gegend entwickelt. Die Schönheit der Ausstattung, der Klang der Musik möchten uns in jedem Gottesdienst in die Weite des unbegreiflichen Gottes führen. Der Glanz und die Musik dieses Gotteshauses möchten uns erahnen lassen, dass wir Menschen vom Geheimnis des dreifaltigen Gottes angerührt werden und mitten im Alltag etwas von seiner Nähe spüren dürfen.

Predigt

Liebe Hörerinnen und Hörer am Radio,
liebe Gottesdienstbesucher hier in Grafenrheinfeld

Vor zwei Jahren verstarb der jüdische Dichter Jehuda Amichaj. Er ist in Würzburg geboren, das er 1935 verlassen musste. In Israel galt er als einer der ganz bedeutenden Poeten des Landes. Er ist dafür bekannt, dass er in seinen Gedichten die biblische Tradition mit modernen Alltagserfahrungen oft verblüffend in Verbindung bringt. Sein Gedichtband „Landschaft offenen Auges“ steht in meinem Bücherregal und bringt mich manchmal zum Nachdenken. In diesem Band lässt sich Jehuda Amichaj von Bildern der Wüste Juda anregen. Neben einer Luftaufnahme der Wüste Juda, wo sich Hügelketten an Hügelketten reihen und sich im Horizont verlieren, steht folgendes Gedicht:

Einer, dessen Gesicht wir nicht sahen,
warf hier seinen Mantel ab und ging weg.
Uns verbleibt, vom Mantel zu lernen-
Falten, Falten, Falten.
Heilig, heilig, heilig.


Die Urgewalt der judäischen Wüste mit ihren zerfurchten Hügelketten, die den Dichter an einen hingeworfenen Mantel erinnert, der dann Falten wirft, weckt in ihm Assoziationen der jüdisch-christlichen Tradition: Falten, Falten, Falten – der dreifaltige Gott. Heilig, heilig, heilig – das Sanktuslied des alten Profeten Jesaja.
Viele von uns kennen diese Erfahrung: Der Gedanke an Gott überkommt einen, wenn ich von einem Aussichtspunkt auf die Gebirgsketten der Alpen schaue und plötzlich Spuren seiner Schöpfermacht und Unbegreiflichkeit erahne. Der unbegreifliche Gott faltet sich in unseren menschlichen Erfahrungsbereich hin aus, lässt etwas von sich erahnen und erspüren, an den Mantel seiner Unbegreiflichkeit rühren. Uns verbleibt, von den „Falten des göttlichen Mantels zu lernen“, sagt der Dichter.

Wenn ich das Wort „Falten“ höre, dann denke ich zuerst an die Falten in unseren menschlichen Gesichtern. Ob dieser eine, dessen Gesicht wir nicht sahen, nicht auch hier seinen Mantel abwarf und in den Falten unserer Gesichter zu entdecken ist?
Ich denke an drei Arten von Falten: zuerst an die Lachfalten.....

Orgelimprovisation (lustig, heiter)

Was ist das für ein Glücksgefühl, vor Lachen explodieren zu können, andere herzhaft lachen zu sehen. Wer lachen kann, der spürt: Das Leben ist schön. Wer herzhaft lachen kann, steckt andere mit diesem Grundgefühl an. Gott versteckt sich in den Lachfalten?

Orgelspiel endet

Bei Falten in menschlichen Gesichter denke ich an die Denkfurchen auf der Stirn.

Orgelimprovisation (tiefbohrend)

Mit Denken den dreifaltigen Gott zu begreifen wird uns nie gelingen. Aber ohne Nachdenken, Grübeln, Reflektieren könnten wir keine Ordnung in unser Leben bringen, keine Zusammenhänge erkennen. Denken ist unsere einzige Möglichkeit, über die Grenzen der sichtbaren Welt hinauszusteigen und etwas von ihrem Urgrund zu ahnen, etwas vom Zipfel des Mantels Gottes zu erfassen.

Orgelspiel endet

Bei Falten in unseren menschlichen Gesichtern denke ich schließlich an die Sorgenfalten....

Orgelimprovisation (traurig, ernst)

Wer sich Sorgen macht, dem ist das Leben nicht egal. Der lässt nicht einfach alles an sich vorbeirauschen. Dem sind die anderen nicht gleichgültig. Der nimmt Anteil. Sollte Gott hier nicht dabei sein in den Sorgen des Lebens?

Orgelspiel endet

Liebe Leser, vielleicht sind das für Sie an einem Dreifaltigkeitsfest völlig ungewohnte Gedanken: Der dreifaltige Gott und die Falten in unseren menschlichen Gesichtern. Aber in der Art des jüdischen Dichters frage ich mich, ob wir nicht in den Falten unseres Gesichtes den Saum seines weiten Mantels berühren, sein unbegreifliches Geheimnis erahnen und in unserem Leben erspüren? Ich frage mich, ob nicht Glücksgefühl, Nachdenken und Anteilnahme, Haltungen, die sich in unseren Lachfalten, Denkfurchen und Sorgenfalten eingegraben haben, nicht sehr viel mit unserem Gott zu tun haben:
Falten, Falten, Falten.
Heilig, heilig, heilig.




Fürbitten

Du geheimnisvoller und unbegreiflicher Gott. Von dir möchten wir in unserem Leben etwas spüren. Wir bitten dich:

Ruf: Komm göttliches Licht

Komm, göttliches Licht, beschenke uns mit deiner Freude, mit deinem Glück in den frohen Stunden unseres Lebens …

Ruf: Komm, göttliches Licht

Komm, göttliches Licht, und erhelle unser Gemüt, wenn es sich verdunkelt und eine bleierne Schwere uns hinunterzieht …

Ruf: Komm, göttliches Licht

Komm, göttliches Licht, und bringe Klarheit, wenn wir den Weg nicht wissen und um die richtige Entscheidung ringen …

Ruf: Komm, göttliches Licht

Komm, göttliches Licht, und schenke uns deinen Trost, wenn wir Ohnmacht und Trauer durchzustehen haben …

Ruf: Komm, göttliches Licht

Komm, göttliches Licht, und zeige uns deinen Beistand, wenn wir Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleiten und für sie dasein möchten …

Ruf: Komm, göttliches Licht

Komm, göttliches Licht und leuchte unseren Toten und lass sie Gott schauen von Angesicht zu Angesicht …

Ruf: Komm, göttliches Licht

Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist.
Wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit, in Ewigkeit. Amen


Pfarrer Stefan Mai

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