Die Kunst zu schweben

Predigt zum Himmelfahrtstag 2003

Ein Trauerzug bewegt sich zum Grab. Ein 18 Jahre altes Mädchen wird beerdigt. In den letzten Tagen der schweren Krankheit hatte sie sich gewünscht, dass an ihrem Grab 100 weiße Luftballons in den Himmel steigen sollten. Zuerst nur einer: Zeichen dafür, dass sie als erster gehen muss – und dann sollten die anderen 99 diesem einen folgen. Die Mutter des Mädchens trug diesen einen weißen Luftballon, Freundinnen und Freunde die anderen 99. Nachdem der Sarg in die Erde gesenkt war, streckte die Mutter den einen Luftballon zum Himmel, zögerte noch lange, ihn loszulassen. Dann ließ sie los – und die anderen 99 Luftballons folgten dem einen, flogen dem Licht entgegen, in den blauen Himmel hinein. Das todkranke Mädchen in Hamburg hatte mit diesem Ritus ein Bild gefunden für die Hoffnung, die über den Tod hinausgeht, Ausdruck einer Ursehnsucht, abzuheben und alle Erdenschwere hinter sich zu lassen. Ein Bild, das den religiösen Bildern unserer christlichen Tradition, die Himmel und Erde verbinden nahe kommt.
Die Himmelfahrt Jesu gehört zu den Urbildern dieser Sehnsucht. Dieses Fest nährt den Wunsch, dass das eigene Leben, das immer ein Stückwerk bleibt, eingebunden ist in etwas Größeres, dass auch an der Grenze des Todes unser Leben nicht endet, sondern dass es wie Jesus hineintaucht in eine ganz neue Dimension des Lebens.
Dieses Fest möchte aber nicht nur diese Sehnsucht an der Grenze vom Tod zum Leben nähren, sondern uns bewusst machen, dass der Mensch seelisch verkümmert, wenn er mitten im Leben nicht die Erfahrung macht, sich über die Erdenschwere emporzuschwingen. Auf vielfältige Weise können wir die Erfahrung der Überhöhung, des Vorstoßens in eine andere Dimension des Lebens machen, heraustreten aus einer oft schleichenden Depressivität: In Augenblicken, in denen uns die Schönheit der Natur und Kunst plötzlich bewusst wird und nahe geht. In Momenten, in denen uns eine zündende Idee kommt, in Stunden, in denen uns Melodien überwältigen oder ein gutes Buch uns in andere Welten führt. Das Heraustreten aus der Erdenschwere erleben Menschen von heute im Erleben glücklicher Beziehung und Erotik, in einem überschäumenden Lachen oder in Träumen, die sie beflügeln und ihnen Kraft geben.
Als gläubige Menschen möchten wir auch im Glauben diese Nüchternheit unseres Alltags übersteigen. Wir singen: „Zu dir, o Gott, erheben wir die Seele mit Vertrauen“, möchten eine Stimmung im Gottesdienst erleben, die seelisch erhebt, die uns ein Vorgeschmack einer anderen Welt ist. Vor der Präfation fordert der Priester auf: „Erhebet die Herzen“, und die Gottesdienstbesucher antworten: „Wir haben sie beim Herrn“. Ich bin überzeugt, dieses seelische Erheben über die Sachlichkeit, über die Berechenbarkeit, über die Nöte und Zwänge des Alltags hinaus, nach dieser „Himmelfahrt im Alltag“, suchen Menschen von heute in unseren Gottesdiensten und bleiben ihnen vielleicht deswegen immer mehr fern, weil sie diese Sehnsucht so wenig erfüllt sehen.
Ich spüre der Dichter Mascha Kaleko hat recht, wenn er schreibt:

Wir haben das Schweben verlernt,
weh uns wir kleben am Weg.
Vom Leuchten der Sterne entfernt,
die Flügel gesenkt und träg,
so trotten die Füße ergeben.
Ach, Liebster, bevor es zu spät,
versuchen wir´s, uns zu erheben.

Die Kunst, das Schweben wieder neu zu lernen, daran möchte uns das heutige Fest erinnern, auch wenn es dafür keine Patentrezepte gibt.


Pfarrer Stefan Mai

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