Mit anderen Augen zurückschauen

Ostermontag 2003

Ostern: da geht der Blick gewöhnlich nach vorne. Ostern heißt: Etwas Neues bricht an. Eine nie erahnte Möglichkeit tut sich auf. Ins Leben kommt neuer Schwung. Neue Wege werden gangbar.

Mit seiner Emmausgeschichte zeigt der Evangelist Lukas Ostern unter einem anderen Blickwinkel. Für die beiden Jünger bleibt eigentlich alles, wie es ist. Nur schauen sie mit anderen Augen auf die Vergangenheit zurück. Ihnen gehen die Augen auf.

Sprecher
Über 60 Jahre war er gesund gewesen. Nie hat er gespürt, dass er ein Herz hatte. Das lief wie ein Uhrwerk. Die Tage, die er in der Arbeit gefehlt hatte, konnte man zählen. Einmal machte ihm die Bandscheibe ein paar Wochen zu schaffen. Das war schon alles.
Aber dann tat es einen Schlag: Herzinfarkt. Bypass-Operation. Reha. “Wenn Sie so weitermachen wie bisher, leben Sie nicht mehr lange”, bekam er vom Arzt zu hören. Er brauchte einige Wochen, bis er diese Worte verdaute. Aber er stellte sein Leben um. Er trat langsamer. Und erst jetzt kapierte er, was er vorher nie geschätzt hatte: 60 Jahre lang gesund gewesen zu sein. Da gingen ihm die Augen auf.

Sprecherin
Zufrieden war sie nie so richtig mit ihm in der Ehe. Er war kein Unmensch. Aber sie hätte es sich mit ihm anders vorgestellt. Er hätte sich für sie mehr Zeit nehmen können, mehr auf ihre Wünsche eingehen können. Er hätte einfühlsamer sein können. Einmal einen Blumenstrauß mit heimbringen – das wäre ihm nie eingefallen. Oder in Ruhe mit ihr durch die Stadt zu bummeln. Da war für ihn ein Gräuel. Abends wollte er seine Ruhe. Und sie hätte noch so gern mit ihm geredet.
Seit einem Jahr liegt er im Friedhof. Oft geht sie an sein Grab. Und sie spürt, wie sehr er ihr fehlt. Was allein seine Anwesenheit bedeutet hat. Wie wohltuend seine ruhige Stimme war. Was er seinen Kindern bedeutet hat. Erst
jetzt im Nachhinein gingen ihr die Augen auf.

Sprecherin
Bin ich froh, wenn dieser Zirkus endlich vorbei ist, tönte die forsche Abiturientin. Diese stupide Paukerei. Diese phantasielose Dressur mit Schulaufgaben und Exen. Diese Launen der Lehrer. Bin ich froh, dass ich der spießigen Kleinstadt endlich entfliehen kann und nicht täglich die gleichen Gesichter sehen muss.
Zunächst ist das Studentenleben aufregend. Ein neues Lebensgefühl: Eigener Zeitrhythmus. Keiner fragt, wann du kommst und wann du gehst. Viele neue Gesichter. Neue Szenen. Aber bald kommt sie sich isoliert vor. Sie kennt viele Typen, aber keinen richtig. Sie kann machen, was sie will, aber keiner fragt nach ihr. Und da trifft sie einen alten Lehrer aus der Schule. Und der fragt sie: „Na, Sonja, wie geht’s dir denn?“ Und auf einmal sieht sie ihn und die Schulzeit mit ganz anderen Augen.

Sprecher
Er meinte, die Welt geht zugrunde, als seine Freundin ihm damals sagte: „Du, es ist Schluss mit uns. Mit dir kann ich mir ein Leben auf Dauer nicht vorstellen. Du bist mir viel zu albern.“ Er war am Boden und zweifelte an sich selber. Lange hat er sich nicht mehr getraut, eine Beziehung aufzunehmen.
Viele Jahre später, an einem Abend, sagt seine Frau zu ihm: „Bernd, wenn ich mir die Männer meiner Freundinnen anschaue, dann kann ich nur sagen: Was ich doch ein Glück mit dir hatte. Einen so ernsthaften Mann zu bekommen!“ Und auf einmal gingen ihm die Augen auf. Das verdankt er seiner ersten Freundin.

Fürbitten

Zu unserem Herrn Jesus Christus, der unsere Wege begleitet, beten wir:

Für alle, die uns die Augen öffnen
Für alle, durch die wir uns selbst besser kennengelernt haben
Für alle, deren Wert man erst im Abschied erkennt

Für alle, die dankbar auf ihr Leben schauen dürfen
Für alle, die mit Verbitterung ihr Leben betrachten
Für alle, die ihr Leben als langweilig und unnütz betrachten

Für alle, die gedankenlos den Alltag angehen
Für alle, die mit Angst und Sorge in die nächsten Tage gehen
Für alle, die sich auf die Zukunft freuen

Für alle, deren Hoffnungen enttäuscht wurden
Für alle, die mit schwerer Krankheit fertig werden müssen
Für alle Verstorbenen, die wir in unserer Mitte vermissen

Begleite uns auf unseren Wegen und Umwegen, jetzt und alle Tage unseres Lebens.


Pfarrer Stefan Mai

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