...damit wir dich loben und preisen

Predigt zum 20-jährigen Bestehen des Kirchenchores St Maximilian Kolbe

Einleitung

Nicht im Rahmen eines Ehrenabends, sondern im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes feiert heute unser Kirchenchor St. Maximilian Kolbe sein 20-jähriges Bestehen. Aus einer bescheidenen Schola ist ein beachtlicher Klangkörper von 27 Sängerinnen und Sängern entstanden, der Woche für Woche sich unter der Leitung von Herrn Balling dienstags Abend trifft, vor allem geistliches Liedgut einstudiert und die großen Gottesdienste des Kirchenjahres durch sein Mitwirken bereichert.

Ich denke, es ist im Sinne unserer Chormitglieder, wenn ich in diesem Gottesdienst nicht die großen Verdienste unseres Chores würdige, sondern diese Gelegenheit nutze, um einmal die Frage in den Raum zu stellen, mit welcher Einstellung feiere ich den Gottesdienst der Gemeinde mit?

Predigt

Die Sehnsucht der "Erlebnisgesellschaft"

Schon seit einigen Jahren wird unsere derzeitige Gesellschaft von Soziologen mit dem Begriff "Erlebnisgesellschaft" charakterisiert. Der Hunger, etwas erleben zu wollen, ist groß. Die Sehnsucht, einzutauchen in eine Gefühlswelt, die mein Leben bereichert und zugleich herausreißt aus dem grauen Alltagstrott, ist stark. Auf vielfältige Weise suchen Menschen von heute, diesen Durst zu stillen, ob dies die mitreißende Stimmung in den Fußballarenen, Live-Konzerten großer Sänger und Gruppen, die Mischung von Lichteffekten und durchschlagenden Bässen in den Discos sind oder die stille Andacht in Gourmetlokalen oder beim romantischen Sonnenuntergang auf einer einsamen Insel. Wer finanziell nicht mithalten kann, der möchte etwas ähnliches auf dem Sofa vor dem Fernsehen erleben. Der Mensch will durch Er-leben zu mehr Leben kommen.

Die Sehnsucht ist groß. Aber mir scheint diese Sehnsucht ist mit dem Phänomen Konsumieren gepaart. Ich fahre oder komme irgendwo hin, zahle auch dafür und habe den Anspruch: So, jetzt biete mir mal was. Ich komme irgendwohin lieber ein wenig später als zu früh, damit schon etwas los ist sondiere die Lage und entscheide dann, ob es wert ist, zu bleiben oder nicht. "Touch and go" hat man dieses Verhalten einmal genannt. Aber kaum einer macht sich bewusst, dass er selbst wesentlich Träger einer Atmosphäre ist und auch sein Verhalten die Stimmung, die er erleben möchte, mitbestimmt.

Die Sehnsucht der Gottesdienstbesucher

Ich beobachte im Gottesdienstverhalten heutiger Menschen einen ähnlichen Trend. Die Sehnsucht vieler Gottesdienstbesucher ist, auch im Gottesdienst etwas erleben zu wollen: Gedanken, die vom Leben handeln, aber zugleich ein Stück aus dem Alltag herausreißen, eine Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt, Stimmung durch die Musik, gute Inszenierung der Liturgie, manchmal auch etwas Ungewöhnliches. Nichts dagegen zu sagen. Aber manchmal habe ich auch die Befürchtung: Man kommt in der Haltung eines Konsumenten, möchte sich einfach wie von einer Fernsehshow etwas bieten lassen, sich einfach zurücklehnen. Lass den oder die da vorne nur machen und ich bilde mir dann mein Urteil: "schöner Gottesdienst - ansprechende Musik - gute Predigt - hat mir nicht gefallen weltfremd - mein Gott, wie altmodisch - wenn ihr nicht mehr bringt, dann packt doch ein..."

Die Botschaft der Loblieder

Zu seinem 20-jährigen Bestehen singt unser Kirchenchor heute fünf Loblieder: "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn Laudate omnes gentes Ich will den Namen Gottes loben Danket, danket dem Herrn Nun danket alle Gott. Die Titel dieser Lieder fordern auf, mit zu machen, den Mund auf zu machen, Gottesdienst nicht nur in einer Lehnstuhlmentalität, so jetzt macht mal!, mit zu feiern, sondern die Stimme zum Lobe Gottes erschallen zu lassen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich möchte nicht lieblos gestaltete oder schludrig heruntergespulte Schema F-Gottesdienste verteidigen. Aber ich frage mich, ob gerade in unserer Zeit die Atmosphäre in unseren ganz normalen Gottesdiensten manchmal daran krankt, weil zu viel Showmentalität erwartet wird, anstatt mit seiner eigenen Stimme aktiv die gemeinsame Liturgie mitzugestalten, egal ob die Stimme in der Pubertät brüchig, im Alter dünn und zittrig ist. Caruso-Qualitäten als Vorbedingung zum Mitsingen werden nicht erwartet. Vielleicht ist das gerade das Geheimnis der Jugendliturgie von Taize, dass hier im Gegensatz zu manch aufwendig inszenierten Flower-Power-, Techno- und Laser- Gottesdiensten, junge Menschen sich darauf einlassen und nicht zu schade sind, ihren Mund aufzumachen, ihre Stimme zum Lobe Gottes zu erheben, aktiv sich einbringen, anstatt auf etwas besonderes zu warten. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen: Nach wie vor gehört der Gottesdienst in Frickenhausen mit 350 "Siebenern" zu den schönsten Gottesdiensten, als 350 Männerstimmen aus voller Brust "Alles meinem Gott zu Ehren" schmetterten und ich mir dachte: Das wär´s, Liturgie ist dazu da, damit wir Gott loben und preisen.

Vielleicht hören wir heute den Liedern unseres Chores unter diesem Aspekt der Liturgie einmal bewusst zu. Laudate omnes gentes; lobt,ihr Völker alle; nun danket alle Gott: d.h. Liturgie lebt nicht nur von den Hauptakteuren, Liturgie lebt durch jeden von uns, von meiner Stimme, von meiner Aufmerksamkeit, von meiner Haltung, mit der ich den Gottesdienst mitfeiere. "Ein Gottesdienst" so meinte erst vor kurzem eine Frau - "ist für mich keine Theatervorstellung, wo ich reingehe, mich hinsetze, zurücklehne und mir etwas bieten lasse. Ich knie mich ganz bewusst, um selbst zu spüren: Ich bin Teil des Geschehens."

Fürbitten

Herr, unser Gott, du hast uns geschaffen, damit wir dich loben und preisen. Wir bitten dich:

Lass uns begreifen, dass es ein Geschenk ist, dich in unseren Gebeten zu ehren und unseren Liedern zu preisen

Erhalte allen, die Woche für Woche Gottesdienste gestalten, selbst Freude am Gottesdienst und schenke ihnen Worte, die Menschen von heute ansprechen

Schenke allen, die durch ihr Musizieren und Singen unsere Gottesdienste bereichern, das Gefühl, dass ihr Bemühen die Herzen von Menschen anrührt

Lass uns spüren, dass uns im Liedgut der Kirche ein Schatz von Melodien und Worten begegnet, die uns erfreuen, aufmuntern, trösten und zum Nachdenken bringen können

Lass alle Verstorbene unseres Kirchenchores erfahren, welch Glück es ist, dich auf ewig zu loben und zu preisen

Dir, o Gott, sei Ehre und Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen


Pfarrer Stefan Mai

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