Eine gute Wahl

Predigt zum Neujahrstag 2003

Alle Welt feiert heute Neujahr. Nur die katholische Kirche schert wieder aus. Sie feiert laut ihrem liturgischen Kalender das Hochfest der Gottesmutter Maria.

Alle Welt feiert heute Neujahr. Naturverbände stellen als Tier des Jahres 2003 den Wolf, als Vogel des Jahres den Mauersegler, als Baum des Jahres die Schwarzerle und als Blume des Jahres die Kornrade vor. Und die katholische Kirche bleibt wieder einmal mehr bei Maria, der Gottesmutter.

Aber eigentlich liegt sie damit gar nicht so falsch, am Jahresanfang eine Mutter zu zeigen.

Mir ist das neu aufgegangen, als vor kurzem Ruth Pfau, die schon lange für Pakistan und Afghanistan in Friedensprojekten arbeitet, gefragt wurde: "Was würden Sie den Taliban sagen, um die Verhältnisse wieder in Ordnung zu bringen?" Die ältere Dame dachte einen Augenblick nach. Und dann kam folgende Antwort: "Die Kerle sollten sich endlich daran erinnern, dass sie alle von einer Frau geboren sind!"

Ich denke, Ruth Pfau wollte damit sagen: Keiner hat ein Vorrecht oder einen Vorzug vor dem anderen. Alle sind durch den Mutterschoß einer Frau gekommen. Keiner ist Herr seines Lebens. Jedem wurde das Leben geschenkt. Und keiner kann sich deshalb über das Leben der anderen aufspielen.

Und sicher steckt auch die Überzeugung dahinter: Wenn Fanatiker sich daran erinnern würden, welchen Schmerz sie einer Mutter zufügen, wenn sie ihren Sohn umbringen, dann würde manch einer davor zurückschrecken.

Am Neujahrstag die Gottesmutter zu zeigen und dazu aus dem Galaterbrief zu lesen: "Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau …" (Gal 4,4) ist ein symbolischer Wunsch:

Glaub’ an die mütterliche Seite Gottes am Beginn dieses Jahres. Vertrau’ darauf, dass er – wie eine Mutter – um dein Leben besorgt ist. Vertrau’ darauf, dass du im Glauben an diesen Gott – wie ein Kind bei seiner Mutter – Geborgenheit, Annahme und Trost erfahren darfst.

Und denk dran: Nicht nur du, alle Menschen, denen du begegnest, sind von einer Frau geboren. Wie an dir, hängt auch an ihnen eine Mutter. Wie dich hat auch die anderen eine Mutter großgezogen, viel investiert, Hoffnung in sie gesetzt. Wie um dich bangt auch um die anderen eine Mutter: dass ihnen ihr Leben gelingt, dass niemand ihnen Steine in den Weg legt und sie in ihrer Würde missachtet. Wie für dich hofft auch für die anderen eine Mutter: dass die guten Seiten ihres Kindes entdeckt und gefördert werden, dass es die Chance bekommt, einen Beitrag für das menschliche Miteinander zu leisten und dass sein guter Wille zum Tragen kommt.

Liebe Leser, wenn sich heute alle Menschen daran erinnern würden, dass sie von einer Frau geboren sind – die Welt würde menschlicher werden.


Pfarrer Stefan Mai

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