... im felsenfesten Glauben an dich

Predigt zum 9. Sonntag im Jahreskreis A ( Mt /, 21-27 )

" Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut!"

" Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht."

Glauben Sie den Worten dieses bekannten Vertrauensliedes? Glauben Sie den Worten des heutigen Evangeliums: Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sei Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut? Halten diese Worte dem Leben stand? Kann der Glaube an Gott und das Vertrauen ins Leben, nicht schnell, oft schon durch einen kleinen Windhauch, zum Wanken kommen, kann nicht einem sehr schnell der Boden unter den Füßen weggezogen werden?

Jossel Rakow kam im Warschauer Getto ums Leben. Als letzte Botschaft hat er folgende Aufzeichnung hinterlassen:

Sollte jemand die Zeit finden, so mag er vielleicht das Gefühl eines Juden verstehen, eines von Millionen, der gestorben ist, verlassen von Gott, an den er so stark glaubte.

Ich glaube an den Gott von Israel, auch wenn er alles dazu getan hat, mich an ihn unglauben zu machen. Ich glaube an seine Gesetze, auch wenn ich seinen Taten die Berechtigung abspreche. Du sagst, wir haben gesündigt. Ich will aber, dass du mir sagst, ob es eine Sünde in der Welt gibt, die eine solche Strafe verdient. Ich sterbe ruhig, aber nicht befriedigt; ein Geschlagener, aber kein Verzweifelter; ein Gläubiger, aber kein Betender; ein Verliebter in Gott, aber kein blinder Amen-Sager.

Ich bin ihm nachgegangen, auch wenn er mich von sich geschoben hat. Ich habe sein Gebot erfüllt, auch wenn er mich dafür geschlagen hat. Ich habe ihn geliebt und bin in ihm verliebt, auch wenn er mich zur Erde erniedrigt, zu Tode gepeinigt, zur Schande und zum Gespött gemacht hat. Und das sind meine letzten Worte an dich mein zorniger Gott: Es wird dir nicht gelingen! Du hast alles getan, damit ich nicht an dich glaube, damit ich an dir verzweifle: Aber ich sterbe genau wie ich gelebt habe: im felsenfesten Glauben an dich!

Diese letzten Worte eines gläuben Juden, der sein Leben auf Gott baute, sagen mir: Wer meint, der Glaube an Gott bewahrt ihn vor allem Schweren, der täuscht sich, ja ist naiv. Wer aber sein Leben auf Gott hin ausrichtet mit ihm lebt und zu ihm nicht nur "Herr,Herr" sagt, wenn er ihn braucht, sondern sein Leben in Gott verankert in guten und in bösen Tagen, darauf hoffe ich, dass der –wie Jossel Rakow- in Resignation, Angst und verzweifelten Situationen die Kraft bekommt, ein Trotzdem, ein Dennoch zu sagen, an Gott verzweifelnd in Gott verliebt zu sein.


Pfarrer Stefan Mai

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